Berlin : Sternmarsch für Bildung: "Die Lehrer fühlen sich im Stich gelassen"

Susanne Vieth-Entus

Wenn Lehrer und Vertreter der Schulverwaltung aufeinanderstoßen, ist mitunter schon der Unterhaltungswert eines Marcel Reich-Ranicki nötig, um anschließend die Stimmung zu heben. Bevor er kürzlich an einem Wilmersdorfer Gymnasium "aus Dankbarkeit gegenüber meinem Deutschlehrer" vor rund 200 Deutschlehrern las, hatte es fast einen Eklat gegeben. Denn die versammelten Pädagogen nutzten die Gelegenheit einer vorangegangenen Fachleitersitzung, um der als Sündenbock willkommenen Schulaufsichtsbeamtin so richtig die Leviten zu lesen. "Widerlich" sei die Stimmung gewesen, berichtet eine Pädagogin, die bedauerte, dass "selbst gute Schulräte in den Sog der ungeschickten Schulverwaltung kommen". Aber dann erschien ja glücklicherweise der dankbare Ex-Schüler Reich-Ranicki, der aus seiner Autobiographie vorlas.

Der spontane Wutausbruch der Deutschlehrer wirft ein Schlaglicht auf die Stimmung, die an vielen Schulen noch schlechter ist als vor den großen Sternmärschen im Frühjahr. Die im Januar beschlossene Heraufsetzung der Lehrerarbeitszeit wirkt noch nach, und es ist nicht besser geworden, seit Böger dem als Technokrat geltenden Ludger Pieper die Leitung des Landesschulamtes übertrug.

Zu Piepers ersten Amtshandlungen zählte nämlich ein höchst umstrittenes Rundschreiben mit dem anspruchsvollen Titel "Offensive gegen Unterrichtsausfall". Mit den dort enthaltenen gängelnden Vorschriften zur Vertretungsregelung bei Klassenfahrten, Wandertagen und Fortbildungen erreichte Pieper vor allem eins: Die letzten positiven Erwartungen an die Schulverwaltung gingen den Bach hinunter.

"Es wurde der Eindruck vermittelt, als würden alle Lehrer nichts tun", fasst Peter Seidel, promovierter Biologielehrer am angesehenen Heinrich-Hertz-Gymnasium in Friedrichshain, den Ton des Schreibens zusammen. Zudem lege es den Schluss nahe, dass es nicht um Qualität gehe, sondern nur darum, hinter jede Unterrichtsstunde ein "Häkchen" zu machen, damit die Statistik besser aussehe. Seidel organisiert zurzeit die arbeitsaufwendige Biologie-Olympiade und weiß noch nicht, ob er dafür irgendeinen Ausgleich bekommt. Im Übrigen sei Pieper ja nur ausführendes Organ: Die Verantwortung trage der Schulsenator.

Inhalt und Ton des Schreibens liegen ohne Frage auf der Wellenlänge Bögers. Er hatte den Eltern immer wieder versprochen, den Unterrichtsausfall zu minimieren und will das auch umsetzen. Demonstrativ stellte sich der Schulsenator hinter den Landesschulamtsleiter, als er Ende September an alle Lehrer einen siebenseitigen Brief mit dem Titel "Bildungsoffensive für Berlin" schrieb: Dort hieß es, er unterstütze das Rundschreiben "ausdrücklich".

Bis zu dieser Passage kamen allerdings nicht alle Lehrer. Ein Sonderschulpädagoge aus Neukölln erzählt, wie ihm die Haare zu Berge standen, als er gleich zu Beginn des Briefes las, dass Böger sich "mit einem Dank" an all die Lehrer wendet, die durch ihren "unermüdlichen Einsatz" die Entwicklung der Schule mitgestaltet hätten. Regelrecht angeekelt sei er gewesen von diesem "Dank" angesichts all der Zumutungen der vergangenen Jahre: der vollen Klassen, des Lehrermangels, des veralteten Kollegiums, der knappen Mittel, der verordneten Mehrarbeit. Das Kollegium der Charlottenburger Anna-Freud-Oberschule empfand diesen Dank sogar als "Verhöhnung", wie es dem Senator in einem Brief mitteilte.

Die Situation wird noch dadurch erschwert, dass Böger etliche Ziele verfolgt, die der GEW und Teilen der SPD nicht ins Konzept passen, darunter die Aufteilung der fünften und sechsten und Grundschulklassen in Leistungsgruppen und die geplante Einführung des Wahlpflichtfachs zur Werteerziehung. "Man muss doch honorieren, dass Böger anders als seine Vorgängerin nicht Sklave der GEW und der SPD-Linken ist", lobt eine Leitungsbeamtin den Schulsenator. Dazu habe er es noch mit der "ganz schwierigen Larmoyanz" der Berliner Lehrer zu tun, die sich grundsätzlich immer überfordert fühlten. "Anstatt stets Böger den Schwarzen Peter zuzuschieben, sollten sie lieber daran denken, dass Berlin auf den Länderfinanzausgleich angewiesen ist", springt sie ihm bei.

Es sind nicht wenige, die so denken und Böger insgeheim Respekt zollen. Aber gerade weil sie glauben, dass er schulpolitisch auf dem richtigen Weg ist, leiden sie darunter, dass Piepers "Erbsenzählerei" in Verbindung mit dem hölzernen Umgangston des Senators dem Ziel schadet, die Lehrer doch noch irgendwie mitzuziehen.

"Die Lehrer fühlen sich mit dem Erziehungsauftrag im Stich gelassen", urteilt Piepers Vorgänger Wolfgang Schimmang (SPD), der vergangenes Jahr auf seinen alten Posten als Neuköllner Volksbildungsstadtrat zurückkehrte. Angesichts von Klassenfrequenzen zwischen 24 und 29 Kindern in Grundschulen und 34 Kindern in Gesamtschulen, angesichts von Sechsjährigen, die keinen Bleistift halten und Zehnjährigen, die nicht mit Messer und Gabel essen könnten, angesichts des drastischen (Fach-) Lehrermangels und der großen Probleme mit den vielen Kindern nichtdeutscher Herkunftssprache dürfe man sich nicht wundern, dass die Stimmung der Lehrer nach der Heraufsetzung der Arbeitszeit und dem Pieperschen Rundschreiben "nicht gut" sei.

Ein Übriges taten die ungeschickten Sparvorschläge, die Böger in das inzwischen geplatzte Haushaltssanierungsgesetz einbringen wollte. Ob die Kappung der Personalvertretung oder die Einsparung bei den Referendaren - alles endete in kleinlauten Rückzügen mit viel zerschlagenem Porzellan.

Geteilt sind die Meinungen darüber, ob dem Landesschulamt nicht nur manche Ungeschicklichkeit, sondern auch die derzeitigen Unterrichtsausfälle anzulasten sind. Eine Schulrätin erinnert daran, dass es in Sachen "Unterrichtsausfall" eigentlich immer zu Beginn eines Schuljahres Probleme gegeben habe. Nur habe sich die Empörung früher auf 23 Stadträte verteilt, die - weil sie wieder gewählt werden wollten - auf die Schnelle Einstellungen vornahmen, auch wenn sie damit ihr Budget überschritten. Jetzt bleibe die ganze Wut beim Leitungsgespann hängen, das aber nun mal an die Stellenvorgaben des Senats gebunden sei.

Eine andere Schulrätin sieht das kritischer. Zwar betont auch sie, dass man Pieper nicht für das "Nullsummenspiel" verantwortlich machen dürfe, das die Sparpolitik der Schule aufzwinge. Viele seiner Ansätze seien richtig. Aber er vergreife sich nicht nur im Ton, sondern schade auch dem Amt mit der "Apparatschik-Struktur", die er aufbaue. Alle Reformversuche könnten im Übrigen nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Landesschulamt eine Fehlkonstruktion sei: "Diese träge Größe wird es nicht schaffen", resümiert sie die langjährigen Erfahrungen und betont, dass sie die Gründung der Mammutbehörde ursprünglich begrüßt habe.

Unter denen, die heute zur großen Bildungsdemonstration auf die Straße gehen, werden also nicht nur zutiefst frustrierte Lehrer sein, sondern auch Schüler und Eltern, die sich vom Landesschulamt miserabel versorgt fühlen. So vielleicht auch die 18-jährige Birthe Krüger, deren im Mutterschutz befindliche Französischlehrerin von einer chronisch kranken Pädagogin "vertreten" wird. Als sie sich - beunruhigt angesichts des nahen Abiturs - zusammen mit anderen Schülern Hilfe suchend an die Außenstelle des Landesschulamtes wandte, bekam sie statt Unterstützung den Rat, es doch mal mit dem Petitionsausschuss des Abgeordnetenhauses zu versuchen.

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