Berlin : Stich ins Herz – ein Fall von Notwehr?

Der Rapper Maxim ist tot, der Täter auf freiem Fuß. Richter stehen vor schwieriger Entscheidung

Annette Kögel

Das tut Christine Fehrmann weh. Zu sehen, wie ihr kleiner Sohn Cihad Hilmi voller Freude auf den Fernsehbildschirm zeigt und „Papa!“ ruft, wenn ein Musikvideo mit „Maxim“ läuft. Fotos von seinem Vater drückt der Kleine einen Kuss auf. Wenn man den Zweijährigen fragt, wo der Papa ist, sagt er: „Im Himmel“. Dass sein Vater am Tag des 33. Geburtstages in Köpenick von einem 75-Jährigen nach kurzer Begegnung erstochen wurde, wird der Junge erst später verstehen. Attila Murat Aydin – Künstler, Musiker, Integrationsfigur und Idol der Berliner Hiphopszene – ist seit vier Monaten tot. Einer, der die Kurve gekriegt hat. Einer, der aus der Sprayer-Szene kam und sich später vor allem unter jungen Ausländern gegen Gewalt engagierte, wurde selbst Opfer von Gewalt.

Der Fall wird jetzt bald vor Gericht verhandelt: Gegen den Rentner Werner P. aus Köpenick ist Anklage wegen Totschlags erhoben worden. Für die Hinterbliebenen hat sich das Leben von einer Sekunde auf die andere verändert. Und jetzt bangen sie. Denn es könnte sein, dass der Täter freigesprochen wird. Der Richter wird eine „Überschreitung der Notwehr“ prüfen: „Überschreitet der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken, so wird er nicht bestraft“, steht im Strafgesetzbuch. Der Beschuldigte saß vom 14. Juni bis 2. Juli in Untersuchungshaft. Jetzt ist er frei – der Mann hat einen festen Wohnsitz, es besteht keine Fluchtgefahr. „In seiner Vernehmung hat P. angegeben, sich bedroht gefühlt und in Panik gehandelt zu haben. Die Staatsanwaltschaft geht gleichwohl vom Verdacht eines Tötungsdeliktes aus“, heißt es in der Anklage. Und: Vielleicht habe es ja ein Missverständnis gegeben. Die Höchststrafe für die Tat beträgt 15 Jahre.

Maxims Tod: Eine Tat, zwei Versionen, immer neue Details. Eine Rückblende: Da ist die Schilderung von Maxims Witwe, von einem Freund und Zeugen. Es ist der Tathergang all jener, die Maxim als naiv, gutgläubig, friedfertig und harmoniebedürftig beschreiben. Maxim und Freund verließen also an jenem 13. Juni die Geburtstagsfeier, um den braun gebrannten, rüstigen Rentner zur Rede zu stellen. Er hatte zuvor Maxims Frau im Supermarkt des Diebstahls bezichtigt, weil sie Waren in ihre Tasche gelegt hatte – wie sie es oft tat, die Verkäuferinnen sollen das gewusst haben. „Hallo“, habe Maxim ihm hinterhergerufen. P. habe sich nicht umgedreht. Daraufhin sei der 33-Jährige schneller gegangen, habe den 75-Jährigen eingeholt – und sich zwischen ihn und die Hauswand gestellt. Der Rentner soll ohne Vorwarnung das Taschenmesser gezogen und zugestochen haben. Er stach durch die Rippen, ins Herz. Attila Aydin verstarb im Unfallkrankenhaus Marzahn.

Die Schilderung des Täters ist eine andere. Werner P. hat sich den Ermittlungen zufolge bedroht gefühlt. Er dachte, er werde angegriffen. So habe er sein Messer gezückt, zur Abschreckung. Einer Zeitung sagte P., der junge Mann sei ihm ins Messer gesprungen. Der Mann war nach der Tat auf der Straße Am Generalshof mit einem Ruderboot auf die Baumgarteninsel geflohen, hatte sich dann aber der Polizei gestellt. Auf einem Pressefoto nach der Festnahme schaut er lachend aus dem Polizeiwagen in die Kamera. Diese Aufnahme tut den Hinterbliebenen besonders weh. Auch Maxims Mutter Ugur Aydin.

Die 54-jährige Zehlendorferin hat seit der Tat keine Nacht geschlafen. Sie existiere weiter, sagt sie, dank Psychopharmaka, und redet sich ein, dass „Maxim in einer anderen Welt lebt ohne Telefon, von der aus er sich nicht melden kann“. Innerlich sei auch sie gestorben: „Für eine Mutter ist es das Schlimmste, was passieren kann – ihr Kind zu verlieren“, sagt sie unter Tränen. Es ist das zweite Mal. Hilmi, ihr Zweitgeborener, starb mit neun Monaten an einer Blutvergiftung.

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