Berlin : Stiften tut gut

Berlin ist nicht reich und braucht gerade deshalb die Initiative vermögender Bürger. Und es gibt sie, die Förderer von Kultur, Wissenschaft und sozialer Hilfe

Thomas Loy

Geld allein macht nicht glücklich, sagen die Hamburger, und planen einen neuen Musentempel für die klassische Musik. Gleichzeitig streitet man sich in Berlin über die Abrisskosten für ein Palastgerippe. In Hamburg sind nicht nur die Schiffe bedeutend größer, sondern auch die Geldsäcke. Und wie zum Hohn der überschuldeten Hauptstadt laufen drei Großmäzene ins Hamburger Rathaus und streiten sich darum, wer nun die Millionen stiften darf für die prestigeträchtige Elbphilharmonie. Von solchen Überfluss-Konflikten hat man in hiesigen Breiten lange nichts vernommen.

Das war nicht immer so. Als Berlin noch Metropole der deutschen Industrie und zugleich Reichshauptstadt war, griffen die vermögenden Grunewald-Villen-Bewohner ihrer Heimatstadt tatkräftig unter die Arme, ließen auf eigene Kosten Sozialsiedlungen errichten und spendeten Kunstwerke für die Nationalgalerie. Wichtige Mäzene waren die Unternehmer Oscar Huldschinsky, Arnold von Siemens und der Bankier Ernst von Mendelssohn-Bartholdy.

Der Textilfabrikant James Simon war so reich, dass er jahrelang Ausgrabungen in Ägypten unterhalten konnte. Zwischen 1911 und 1914 wurden bedeutende Altertümer zutage gefördert, unter anderem die Büste von Nofretete. Die stand zunächst auf dem Kaminsims in der Tiergartener Simon-Villa, wo sie der Hobbyarchäologe Kaiser Wilhelm II. auch unangemeldet, besuchen durfte. Im Laufe der 20er Jahre schenkte Simon seine Nofretete und weitere rund 1000 Kunstgegenstände seiner Sammlung den Berliner Museen.

Mit den Wirtschaftskrisen der Weimarer Zeit schwand die materielle Basis des Mäzenatentums. Später machten die Nazis dem Bürgersinn ein Ende – zunächst durch die Zerschlagung jüdischer Unternehmen und später durch den Krieg und die nachfolgende Teilung Deutschlands. Erst seit Wiedervereinigung wächst auch in Berlin wieder heran, was man früher Großbürgertum nannte. Jedes Jahr werden 30 bis 40 neue Stiftungen in der Hauptstadt gegründet, um soziale Projekte, Kultur und Wissenschaft zu fördern – 533 sind es inzwischen.

Berlins neue Mäzene sind überwiegend zugewanderte Unternehmerfamilien, die sich der Stadt verpflichtet fühlen, weil sie hier ihr Vermögen gemacht haben, oder einfach nur, weil ihnen Berlin gefällt. Ob der persönlichen Eitelkeit geschuldet oder dem Wunsch eines ehrenden Angedenkens über den Tod hinaus – das Stiftermotiv muss nicht mehr absolut selbstlos sein, um gesellschaftliche Anerkennung zu finden. Man darf sogar über seine Mildtätigkeit reden, denn nur so finden sich Nachahmer. Einige der umtriebigsten und spendabelsten Berlin-Mäzene stellen wir auf dieser Seite vor.

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