Stiftungen : Das neue Buch des Berliner Stiftungsexperten Strachwitz

Nicht die Politik löst gesellschaftliche Probleme, sondern die Zivilgesellschaft. Mit solchen Thesen provoziert der Berliner Stiftungsexperte Rupert Graf Strachwitz in seinem neuen Buch.

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Rupert Graf Strachwitz.
Rupert Graf Strachwitz.

Die aktive Zivilgesellschaft wird immer wichtiger, um gesellschaftliche Probleme zu lösen. In vielem ist sie dabei der Politik voraus. Mit solchen Thesen provoziert Rupert Graf Strachwitz in seinem neuen Buch „Achtung vor dem Bürger. Ein Plädoyer für die Stärkung der Zivilgesellschaft“. Seine in Mitte ansässige Maecenata Stiftung ist in der bürgerschaftlich engagierten Szene wichtige Impulsgeberin. Immer mehr Menschen werde bewusst, dass es in jeder Gesellschaft eines dritten Ortes bedarf, an dem weder Macht noch Geschäft Priorität besitzen, sondern allein der Mensch, sagt Strachwitz. Von der Zivilgesellschaft gehen nach seiner Einschätzung „entscheidende Impulse für die Entwicklung unserer Demokratie und für den sozialen Wandel unserer Gesellschaft aus“.

Dem Staat wirft er vor, die Bürger zu unterschätzen: „Die lahmen Versuche, mehr Bürgerbeteiligung zu organisieren, sind der Versuch, Veränderungen zu verhindern, nicht sie herbeizuführen.“ Umgekehrt fordert er von der Zivilgesellschaft, von Stiftungen und gemeinnützigen Verbänden, dass sie transparenter werden, wenn sie eine größere Rolle spielen wollen. Zwar werden jede Menge Berichte veröffentlicht. Mangels Normen und verbindlicher Regeln gibt es aber keine wirkliche Vergleichbarkeit.

Als Strachwitz vor zwanzig Jahren sein erstes Buch über Stiftungen veröffentlichte, gab es abgesehen von juristischen Fachwerken zu dem Thema praktisch noch keine Lektüre. Inzwischen wächst die Zahl der Veröffentlichungen zum Thema ständig an, das Interesse am Stiften und an Stiftungen ist riesig. Das gilt auch für den Forschungsbedarf. Gab es 1994 nach Schätzungen des Bundesverbandes etwa 6 000 Stiftungen in Deutschland, sind es heute weit mehr als 20 000.

Zum ersten Mal fand in diesem Sommer der Weltkongress der International Society for Third Sector Research (ISTR) in Deutschland statt. Strachwitz, als Konferenzleiter an der Tagung beteiligt, war fasziniert von Beobachter-Statements wie diesem: „Die Zivilgesellschaft ist umso vieles weiter als Politik und Wirtschaft, weil sie nicht der Rhetorik der Abgrenzung unterliegt, sondern zusammenarbeitet, wo es nur möglich ist.“

Dass dort Wissenschaftler aus China, Russland, der Ukraine, Israel und arabischen Ländern ganz offen und friedlich darüber diskutieren, wie Staaten die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen behindern, wie sich das manifestiert und welche Lösungsansätze sich bewährt haben, das hat ihn deutlich beeindruckt und in seinen Thesen bestärkt. Vor allem ist es für ihn der Beweis, dass die Zivilgesellschaft der Politik inzwischen voraus ist. Für ihn steht heute mehr denn je fest, dass ohne eine aktive Zivilgesellschaft aktuelle Probleme nicht in den Griff zu bekommen sind. Vor allem wo es um den demografischen Wandel, um Frieden und Umwelt geht, sei längst mehr Kreativität gefragt, als die Politik aufbringt.

Strachwitz, der lange in der Weltzentrale der Malteser in Rom gearbeitet hat, bevor er 1989 eine philanthropische Beratungsfirma für den gemeinnützigen Bereich gründete, sieht sich als „Aktionsforscher Zivilgesellschaft“. Der 67-Jährige will helfen, diese Gesellschaft „von der Ich-Gesellschaft zur Wir-Gesellschaft zu entwickeln, das Miteinander zu fördern und das Zerrbild vom Homo Oeconomicus zu entlarven“.

Vom Wutbürger zum Arabischen Frühling nimmt die Zivilgesellschaft in der globalen Welt eine zunehmend sichtbare Rolle ein. Vieles hat sich verändert durch die Globalisierung, auch die Kultur der Philanthropie. Einen Beitrag zu mehr Transparenz leistet die Maecenata Stiftung als Mitglied von Transnational Giving Europe (TGE) – ein Netzwerk führender europäischer Stiftungen und Organisationen, das grenzüberschreitende Spenden vereinfacht und transparenter gestaltet. Da der lokale Netzwerkpartner den Spendenempfänger überprüft, ist in der Regel die korrekte Mittelverwertung garantiert. So können Spenden ins Ausland sogar steuerlich abgesetzt werden. Auch die Herkunft von Geldern aus dem Ausland wird genau geprüft. Denn eine Spende aus falscher Hand kann den Ruf dauerhaft schädigen – da sind Stiftungen sehr sensibel.

Mit der Hilfe von Rupert Graf Strachwitz sind über die Jahre mehr als 250 Stiftungen entstanden. Er selbst ist Gründer der Maecenata Stiftung und Autor des Buchs „Wie werde ich ein Stifter?“ Für den Tagesspiegel hat er zehn Tipps für Stifter erstellt.

EMPFEHLUNGEN

1. Überlegen Sie, was Sie erreichen wollen. Am Anfang steht das inhaltliche Konzept.

2. Lassen Sie Raum für Entwicklungen. Stiftungen müssen wachsen können.

3. Sie brauchen ein unverwechselbares Profil. Stiftungen sollten Individualisten sein.

4. Versammeln Sie engagierte Mitstreiter. Stiftungen brauchen den internen Diskurs.

5. Lassen Sie sich helfen. Kluge Beratung schützt vor späteren Enttäuschungen.

WARNUNGEN

6. Machen Sie keine Stiftung um jeden Preis. Es gibt viele Möglichkeiten, ein Philanthrop zu sein.

7. Machen Sie keine Stiftung im Zorn. Stiftungen leben vom Dialog und Konsens mit Erben und anderen Interessengruppen.

8. Kaufen Sie keine Stiftung von der Stange. Eine Stiftung ist ein Maßanzug.

9. Werfen Sie die Angel nicht zu kurz. Stiftungen sollen jetzt und in der Zukunft Katalysatoren sein.

10. Lassen Sie sich nichts einreden. Sie haben etwa zu Rechtsformen, Zielen und Vermögensausstattung mehr Gestaltungsfreiheit, als viele glauben.

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