Berlin : Stiftungsinitiative hat bislang in Berlin erst sieben Mitglieder

Amory Burchard

Einen Monat nach der Veröffentlichung der "Berliner Liste" mit Unternehmen, die in der NS-Zeit Zwangsarbeiter beschäftigt haben, fällt die Zwischenbilanz ernüchternd aus: Erst sieben Berliner Firmen sind der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft beigetreten. Nach den "Pionieren" der Entschädigung - dem Pharmakonzern Schering, der Berliner Bankgesellschaft und dem Stromerzeuger Bewag - stehen jetzt auch Heinkel Systemservice für Energieanlagen, Niles Werkzeugmaschinen, die Gebäudemanagementfirma Gegenbauer und die Vertriebsfirma Hopf, Ringleb & Co. auf der Mitglieder-Liste, die im Internet veröffentlicht wird. Die meisten Berliner Unternehmen reagieren jedoch weiterhin ablehnend auf die Zwangsarbeiter-Entschädigung.

"Die Lage in Berlin ist nicht besonders gut", räumt der Sprecher der Stiftungsinitiative, Wolfgang Gibowski, ein. Es sei aber demnächst "ein breiter Zustrom" von Beitritten zu erwarten. Gemeinsam mit allen deutschen Industrie- und Handelskammern appelliert die Stiftungsinitiative jetzt an alle Unternehmen, zur Entschädigung beizutragen. Zunächst sollten nur Betriebe, die nachweislich Zwangsarbeiter einsetzten und heute noch bestehen, zu Zahlungen aufgefordert werden. Es habe sich aber schnell gezeigt, dass dies auf Grund von Besitzerwechseln und Unternehmensfusionen "nicht zu machen" sei, sagt Gibowski.

Viele Betrieben fühlten sich "angeprangert" und verwiesen darauf, dass sie nicht Rechtsnachfolger der historischen Firmen und somit nicht verantwortlich für die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter seien, sagt auch Deidre Berger, Leiterin des Berliner ACJ-Büros. In dem Schreiben, das auch die Berliner IHK Ende vergangener Woche an 7500 Betriebe verschickt hat, heißt es nun, möglichst alle sollten beitreten - "unabhängig davon, ob sie Zwangsarbeiter beschäftigt hatten". Jetzt wird erklärt: "Es geht nicht um ein Schuldanerkenntnis, sondern um ein Zeichen der Solidarität."

Seit dem Start der Aktion ist ein Unternehmen neu beigetreten. Die Hopf, Ringleb und Co., eine Vertriebsfirma für zahnärztliche Instrumente, habe am 29. Februar den "symbolischen Beitrag" von 2000 Mark an die Stiftungsinitiative überwiesen, sagte gestern eine Sprecherin. An weiteren guten Beispielen fehlt es den Berliner Unternehmen nicht. IHK-Präsident Werner Gegenbauer trat der Stiftungsinitiative noch vor dem Beginn der Briefaktion mit seiner Gebäudemanagement und Service Holding bei. Damit habe er dem Solidaritäts-Appell des Aufrufes entsprechen wollen, sagt Unternehmer Gegenbauer. Historisch "belastet" sei die 1925 gegründete Gebäudereinigungsfirma nicht. In der Kriegszeit "ruhte die Geschäftstätigkeit".

Auch eine Firma, die zunächst einen Beitrag zur Entschädigung abgelehnt hatte, ist mittlerweile Mitglied der Stiftungsinitiative. "Wir haben zwar juristisch nichts mit diesen Dingen zu tun", betont Axel Kraft, Geschäftsführer der Heinkel Systemservice für Energieanlagen GmbH. Die Verbindung zum Heinkel Flugzeugwerk, das seine Kriegsproduktion mit osteuropäischen Zwangsarbeitern aufrecht erhielt, bestehe allein in der Übernahme des Namens und von Teilen des historischen Standorts, sagt Kraft. Den Entschluss zum Beitritt habe er gefasst, nachdem er den Appell des Verbandes der Sinti und Roma erhielt. Das Schicksal des Vorsitzenden Otto Rosenberg berührte den Firmenchef: Rosenberg hatte selber Zwangsarbeit leisten müssen und in der Nazizeit seine gesamte Familie verloren.

Zahlreiche Beschwerden und Nachfragen haben unterdessen das AJC und die Geschichtswerkstatt bekommen, die die Berliner Liste erarbeitet hatten. An das AJC geschrieben hat beispielsweise Maria Häring, Geschäftsführerin der Bürgerbräu GmbH. Dem Tagesspiegel sagte sie: "Sollte uns das AJC Namen und Adressen von ehemaligen Zwangsarbeitern nennen können, werden wir dafür sorgen, dass die Treuhandanstalt davon erfährt."

Von der Treuhand hätten sie und ihr Mann die Brauerei, die in der DDR-Zeit zum Getränkekombinat gehörte, 1992 unter großen finanziellen Opfern erworben. Ansprüche, die sich aus der Vergangenheit ergeben, hätten sie dabei ausdrücklich nicht übernommen. Mit der neuen Formel der "Solidarität" der deutschen Unternehmen in der Entschädigungsfrage kann die Geschäftsfrau nichts anfangen. Den Namen "Bürgerbräu" hätten sie überhaupt erst wieder bekannt gemacht und gleichzeitig wichtige Arbeitsplätze gesichert. Ein Entschädigungsbeitrag würde das Unternehmen finanziell überfordern, sagt die Chefin.

Gisela Wenzel von der Geschichtswerkstatt erklärt die dürftige Berliner Entschädigungs-Bilanz mit "historischen Brüchen". Im Ostteil, wo einst enteignete Betriebe nach 1989 wieder privatisiert wurden, war die historische Erblast kein Thema. Aus dem Westteil der ehemals größten deutschen Industriestadt seien nach Krieg und Mauerbau viele große Betriebe abgewandert.

Damit ging das Bewusstsein von Berlin als Zentrum der Rüstungsindustrie und der Zwangsarbeiterbeschäftigung verloren. Für mittelständische Betriebe sei ihre mögliche Verstrickung heute "sehr weit weg". Für die überlebenden Opfer jedoch sei die Berliner Zeit "die wichtigste Erfahrung ihres Lebens".Mehr zum Thema im Internet unter www.stiftungsinitiative.de

www.berliner-geschichtswerkstatt.de

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