Berlin : Still soll der See ruhen

In Köpenick gibt es Anwohner, die für Tempelhof stimmen wollen – um dem Großflughafen BBI zu schaden

Stefan Jacobs

An den Köpenicker Laternen hat der Wahlkampf zwei Seiten. Die eine fragt wie überall: „Weltstadt oder Provinz?“ Der Ortsteil Karolinenhof am Langen See ist immer Provinz gewesen. Meisen balzen in Bäumen, am Ufer schaut der Reiher den Seglern zu. Man hört die Bienen summen – wenn nicht gerade ein Flugzeug kommt, was zurzeit höchstens im Viertelstundentakt passiert. Karolinenhof liegt in der östlichen Verlängerung der alten und neuen Schönefelder Startbahn.

Könnte man hier nicht Lust bekommen, für Tempelhof zu stimmen, um den Großflughafen BBI zu sabotieren? „Genau“, sagt eine Frau auf dem Weg zur Straßenbahn. „Jedes Flugzeug weniger über unseren Dächern ist ein Gewinn.“ Zeit, die zweite Seite des Laternenwahlkampfes zu betrachten: Ein Ja-Plakat ohne erkennbaren Urheber, mit Bezirkswappen voller Flugzeuge und der Aufschrift: „Lärm und Krankheit – Ihre Zukunft.“ Das ist sie, die Kampagne zur Sabotage.

Andere hier sind hin- und hergerissen zwischen Lärm und Jobmaschine. Und sie sind politikverdrossen. Nachdem die Senatspolitiker wiederholt haben, Tempelhof in jedem Fall zu schließen, „muss ich auch nicht mehr abstimmen“, sagt eine Großmutter, die von ihrer Enkelin zum Spielplatz gezogen wird. Ein Mann am Gartentor nennt den Volksentscheid „eine ganz miese Comedy“. Seine Ohnmacht als Bürger wurmt ihn mehr als der Fluglärm. Frank Kottonau ist Chef des Western-Restaurants Richtershorn und sorgt sich nicht um die Gäste auf seiner Terrasse am See. „Die meisten kommen von außerhalb und finden das mit den Flugzeugen eher interessant.“ Außerdem sei es bei ihm immer besonders voll, wenn in Schönefeld die Luftfahrtausstellung ILA ist. Durch BBI hofft Kottonau auf eine Art Dauer-ILA.

Ein paar Kilometer weiter südlich steht Martin Dippe an seinem Gartenzaun und findet, dass Flugzeuge zu einer Weltstadt dazugehören. In vollem Bewusstsein habe er sich das Häuschen hier in Eichwalde gebaut, dem ersten Ort jenseits der Stadtgrenze, nicht weit von der künftigen BBI-Südbahn entfernt. Als in der Zeitung stand, dass die Ex-Umweltministerin Angela Merkel auch für die Offenhaltung von Tempelhof ist, hat er sein Abo gekündigt. „Man ärgert sich doch nur.“ Der südöstliche Stadtrand ist das Kernland des Bürgervereins BVBB, der den Widerstand der Schönefeld-Gegner vereint hat und zurzeit zumindest das Nachtflugverbot zu retten versucht. „Unser Standpunkt ist eindeutig: Kein Flugverkehr im Siedlungsmeer“, reimt BVBB-Sprecher Kristian-Peter Stange. Das gelte für Schönefeld, Tempelhof und Tegel. Und gegen BBI könne man in keinem Fall mehr klagen – selbst wenn Tempelhof offen bliebe. Ob Stange diese juristisch strittige Kernfrage wirklich so eindeutig sieht, oder ob er nur blufft, bleibt sein Geheimnis.

Durch den Wald geht es nach Waltersdorf, das neuerdings zur Gemeinde Schönefeld gehört und für sein gut besuchtes Gewerbegebiet bekannt ist. Hier hat Möbel-Höffner seine Zentrale. Geleitet wird sie unter anderem von Thomas Eck, der zum Thema Flughafen mehr Fragen als Antworten hat: Wird die Stadtautobahn, auf der er täglich im Stau steht, unter der Last der BBI-Reisenden kollabieren, wenn erst Tegel geschlossen wird? Sollte man Tegel nicht ebenfalls offen halten? Er weiß nicht recht, aber sicher ist, dass sein Unternehmen von der Infrastruktur um BBI profitieren will und wird.

Udo Haase, der parteilose Bürgermeister von Schönefeld, gerät beim Thema Tempelhof schnell in Rage: Der Volksentscheid sei „der größte Blödsinn, den ich je erlebt habe“. Würde man Tempelhof offen halten, wäre die juristische Begründung für BBI ausgehebelt. „Also eine Milliarde Euro in den Sand gesetzt und die Entwicklung der gesamten Region gefährdet.“ Zurück nach Berlin, diesmal durch Treptow. Politikernamen machen den alten Mann aggressiv, der in Bohnsdorf seinen Garten pflegt. Parchwitzer Straße, viel näher am Flughafen geht nicht. „Ich bin fertig mit diesem Staat“, sagt der Mann. Auch er hat sich im BVBB engagiert. „Erst war die Stimmung kämpferisch, jetzt fühlen sich die Leute einfach verarscht.“ Wenn BBI eröffnet wird, ist er dann 76 Jahre alt. „Ich hoffe, dass ich dann noch die Kraft habe, hier wegzuziehen.“

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