Berlin : Stillberedte Sonntagsstraßen

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Wenn sommer-sonntags die Bahnen stadtauswärts voll, die Straßen verstopft sind, werden Zentrifugalkräfte wirksam, wird die Innenstadt still. Dann kommt der Stadtgenießer zum Zuge. Er macht sich Berlin zu eigen, meidet die touristischen Trampelpfade und begibt sich auf Abwege. Es gibt diese besonderen Sonntags-Stadtgeräusche: Vom Sportplatz kommen raukelige Rufe, Trillerpfiffe, knallende Balltritte, wo Kreisligisten das Leder treten. In Hinterhöfen spielt Großstadt-Kammermusik: Aus geöffneten Küchenfenstern klingt das Scheppern von Kochgeräten, aus anderen Fenstern Radiomusik. Zum Berliner Hinterhof gehört der Hofbaum. Meistens ist’s eine Kastanie. Mit Baumeskraft wächst sie dem Lichtgeviert entgegen, also dem Himmelsausschnitt überm Hof, wissend, dass nie ein Baum je in den Himmel gewachsen ist – ihm immer nur ein wenig entgegen. Das Vöglein im hohen Baum, klein ist’s, man sieht es kaum, singt doch so schön. Es ist mit dem Baum im Bunde, singt ihm, dem Einsamen, zur Gesellschaft. Die sonst so verachtete Stadttaube gurrt in der Großstadt-Kammermusik ihren Part.

In einem anderen Hinterhof rostet eine längst ausgediente Teppichklopfstange, und der Rost hat dem Schild mit der amtlichen Klopfzeit-Ordnung alle Amtswirkung weggefressen. In diesem Hof unter blinden, finstren, teils zertöpperten Scheiben, wurzelt ein im Stich gelassenes Bäumchen genügsam in einer Lücke zwischen Hauswand und Hofpflaster. Immerhin, es grünt, aber es wird wohl – wie’s hierherum aussieht – sein letzter Sommer sein. Das genügsame, frohgemut grünende Bäumchen will uns was lehren: Solange wir wurzelnd irgendwo Halt haben, soll uns der Ort genug sein. Planung – schön und gut – ist ja oft nur Täuschung, und Ent-täuschung haut uns den Boden unter den Wurzeln weg. All das Neue in Berlin mag – mit Maßen! – ja sein. Aber das wenige Alte muss der Maßstab dafür bleiben; denn eine Stadt wird erst wohnlich, wenn sie uns gewohnt wird, es sich lohnt, in ihr alt zu werden. Wo früher eine Drogerie, ein Schuster oder ein Bäcker im Viertel zu Diensten gewesen sein mögen, haben sich heute Galerien eingerichtet. Die Auguststraße mit Umgebung ist dafür besonders kennzeichnend. Mit einem Freund unternehme ich zuweilen abendliche Springprozessionen von Vernissage zu Vernissage. An jeder Station ein Schmarotz-Gläschen und tiefe Verneigung vorm Werk des Künstlers; denn , Titel und auch Preis stehen stets rechts unten neben dem Bild. Solche Extratouren finden freitags statt. Die Sonntagsstraßen gehören mir allein. Klärchens Ballhaus ist ein Bild für sich. Ich war mal drin. Vor zwölf Jahren mit dem Auftrag, aus der letzten Nacht der DDR-Währung Bericht zu geben. Ich verjubelte dort den Rest des eingetauschten Ostgeldes. Jetzt haben wir Euro. Und dennoch geht durch das geeinte Deutschland noch immer ein skandalöser Gehalts- und Lohnriss. Und deswegen werden wir die unselige Einteilung in Ost- und West nicht los. Daran musste ich denken, als ich vor Klärchens Ballhaus in schönster Sonntagsstille stand. So ist Berlin – nie immer ganz Idyll, aber immer in allem bedenklich. Die Brandwand nebenan zeigt zum Beispiel, dass hier ein Hausflügel weggebombt wurde - vor 60 Jahren. Türen zum verschwundenen Flügel hängen noch in ihren Angeln. Wer mag sie zuletzt geschlossen haben? Dort, wo der Flügel stand, hat sich Mutter Grün breit gemacht. Insgeheim wünsche ich mir, dass dieses Bild nie zerstört werden möge. Verschlossene Türen gedanklich aufzustoßen, gibt doch Einsichten frei. Es müssen sich immer Menschen finden, die solche Türen aufstoßen. Sie müssen nur mal durch sonntagsstille Straßen streifen. Das sei der Maßstab, den das alte Berlin setzt, damit wir uns im neuen zurechtfinden, ja heimisch werden können.

99 ZEILEN SCHWERK

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