Berlin : Stille Nacht

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VON TAG ZU TAG

Andreas Conrad über

die Nachteile biblischer Statistik

Die Trennung von Staat und Kirche ist nicht erst in diesen profanen Zeiten selbstverständlich. Daher ist es schon erstaunlich, dass zur Vorstellung des Statistischen Jahrbuches jahrein, jahraus ausgerechnet die Tage vor dem Weihnachtsfest gewählt werden. Wäre es zum Jahreswechsel nicht viel logischer? Aber nein, es muss vor dem Christfest sein. Man sage uns nicht, das sei ohne Bedeutung, denn auch das in der Weihnachtswoche gefeierte Ereignis hatte mit Statistik zu tun: „Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzet würde.“ Eine Volkszählung also, die Statistik par excellence. Damals wurde sie noch nach dem Herkunftsort vollzogen: „Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeder in seine Stadt.“ Ein heutzutage gerade in Berlin nur schwer umsetzbares Prinzip, es sei denn, man riskierte die tagelange Entvölkerung der Metropole bei gleichzeitiger Verstopfung der Ausfallstraßen: All die Kreuzberger Schwaben, die pfichtschuldigst der Heimat entgegeneilen, auf dass sie dort geschätzet würden. Die anatolischen Familien, die dem Bosporus zustreben. Die gebürtigen Bonner, die Sudetendeutschen, sodann die Fremden jeglicher Couleur – alle weg. Von heute auf morgen wäre Berlin wieder das, was es jahrhundertelang war: ein besseres Dorf mit Stadtrecht. Immerhin: Man hätte seine Ruhe.

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