Berlin : Stille Trauer am Checkpoint Charlie

Der Tod des Museumsgründers hatte sich schnell unter den Besuchern herumgesprochen

Christian van Lessen

Gedämpfte, gedrückte Stimmung im Haus am Checkpoint Charlie. Verströmten schon die Ausstellungsstücke des Mauermuseums Melancholie, so war am Freitag die stille Trauer zusätzlich spürbar, selbst im fast lautlosen Gewirr der Gäste. Die Mitarbeiter hatten am Morgen vom Tod des Museumsgründers erfahren. Selbst viele der Besucher wussten bereits beim Eintritt, was geschehen war. „Unser Lehrer hat uns auf dem Weg zum Museum erzählt, dass Rainer Hildebrandt tot ist“, sagten Teilnehmer einer Schülergruppe aus Marktoberdorf im Allgäu.

Der Name Rainer Hildebrandt ist bekannt in Deutschland. Wie sein Museum, das mit 700 000 Besuchern im Jahr zu den meistbesuchten Museen Berlins zählt. Kaum eine Schüler- oder Touristengruppe, die nicht vorbeischaut. „Ich finde es gut, dass hier ein Museum direkt am Ort des Geschehens entstand“, sagt eine Schülerin. Unfassbar sei, dass Leuten beispielsweise die Flucht in dem alten klapprigen Opel P4 habe gelingen können oder in dem blauen VW-Käfer, versteckt unter der Kofferhaube.

Ein paar Schritte von der Haustür entfernt hatte die Mauer gestanden, kurz nach deren Bau standen sich hier die Panzer der Amerikaner und der Russen gegenüber. Immer wieder war von drohendem Krieg die Rede. Wenn jetzt nur kein Schuss fiele.

Die Panzer wurden abgezogen. Dann kam die große Zeit des Checkpoint Charlie, des Ausländerübergangs an der Sektorengrenze zwischen Kreuzberg und Mitte, dem Schauplatz vieler Fluchtversuche. Die westliche Kontrollbaracke auf der Straßenmitte gab dem Mauermuseum den Namen. Dort sammelte Hildebrandt unermüdlich Fakten und Materialien über Fluchten, Fluchthelfer, Sperranlagen, baute Modelle von Grenzanlagen. Jedes Maueropfer wurde protokolliert. Familien, denen eine spektakuläre Flucht gelungen war, beispielsweise 1979 in einem großen, selbst gebauten Heißluftballon von Thüringen nach Bayern, lud er nach Berlin ein. Stellte sie öffentlich im Haus am Checkpoint Charlie vor. Ballons, Fluchtautos, Sessellifte, auch ein kleines U-Boot – sie fanden als Flucht-Zeugen Platz. Am „Brennpunkt des Kalten Krieges“, wie Hildebrandt sagte.

Im Museum ist die Teilung konserviert. Über Monitore laufen Filme, und immer wieder ist Rainer Hildebrandt zu sehen, der Politikern die Grenze erläutert oder auch seinen Eltern dankt, die ihm die Einrichtung des Museums finanziell ermöglicht hatten.

Die Räume haben Patina angesetzt, die gut zu den Ausstellungsstücken passt. Vor der Tür ist der Checkpoint Charlie nachgebaut, vor den Sandsäcken patrouilliert „Volkspolizist“ Tom Luszheit mit zwei anderen Schauspielschülern, lässt sich gern fotografieren und will – wie das Mauermuseum – daran erinnern, das hier einmal eine scharf bewachte Grenze war. Oft glauben Touristen, West-Berlin sei dort gewesen, wo heute die Friedrichstraße besonders schön ist – also dort, wo früher Ost-Berlin war.

Hildebrandt hat sich in den letzten Monaten oft über die Verkaufsbuden auf dem alten Grenzstreifen geärgert. Dass sie nun fast weg sind, hat er nicht mehr erleben können.

Das Mauermuseum an der Friedrichstraße 43-45 ist täglich von 9 bis 22 Uhr geöffnet (Telefon 25 37 25-0) .

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