Berlin : Stillen? Grillen? Chillen!

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Von Alexander Schäfer

Deep Purple, Led Zeppelin, Pink Floyd: Drei bekannte Bands mit bekannten Drei-Minuten-Hits. Doch erst unbekanntere Lieder mit Überlänge erfreuen den Musikliebhaber. Zu hören waren lange Titel im Radio kaum noch. Das hat sich seit Ende vergangenen Jahres geändert; Musik-Fans können bei der zweistündigen Sendung „Radio-Affair“ sonnabends ab 19 Uhr auf Radio Eins ausdauernden Songs lauschen. Von Kraftwerks 22 Minuten-Fassung der „Autobahn“ bis zu 17 Minuten „Am Fenster“ in der Originalversion von City.

http://www2.tagesspiegel.de/bildarchiv/0205/09kaspari.jpg " align=right hspace=5>Der Grund für die überlangen Lieder ist das zweite Kind der Moderatorin Anja Caspary. Da sie ihr Baby Kim stillt, aber nach dem Mutterschutz nicht auf ihre Sendung verzichten wollte, hat die 37-Jährige „aus der Not eine Tugend gemacht“; sie führte die Rubrik „Lange Rillen zum Stillen“ ein.

Während der Moderation schiebt der Vater oder ihre Schwiegermutter den Kinderwagen mit dem Baby durch die Babelsberger Studioräume. Wenn das Mädchen während der Sendung zu schreien beginnt, holt Anja Caspary das Baby in das Studio und legt eine möglichst vielminütige Platte auf. Dann bettet sie das Kind auf eine Lammfelldecke. Da sie nur liegend stillen könne, legt sie sich zusammen mit dem Kind auf den Studioboden. „Manchmal habe ich es nicht rechtzeitig bis zum Liedende geschafft, so dass noch einige japsende Geräusche meiner Tochter zu hören waren“, sagt Anja Caspary. Die laute Rockmusik störe das Baby dabei nicht.

„Ich will anderen Frauen Mut machen, sich nicht hinter ihrem Mutterdasein zu verstecken“, sagt Caspary. Damit ist sie erfolgreich. Radio Eins, das Gemeinschaftsprogramm von ORB und SFB mit Sitz in Potsdam, hat am Sonnabend laut Senderchef Helmut Lehnert nach der letzten Mediaanalyse „bis zu 40 000 Hörer“. Trotz der Fernsehkonkurrenz hat die Sendung in der zweiten Stunde nach 20 Uhr deutlich mehr Hörer als in der ersten Stunde. In der zweiten Hälfte der Sendung spielt Anja Caspary zumeist die langen Rillen – das Baby schreit oft erst am Ende ihrer Sendung.

Mittlerweile versucht Anja Caspary, das sechs Monate alte Kind abzustillen. Lange Songs zu spielen, wäre demnach künftig nicht mehr nötig. Als sie dies jüngst ihren Hörern ankündigte, bekam sie viele Beschwerdebriefe. Ein Hörer forderte, dass sie ihre Rubrik wegen des kommenden Sommers in „Lange Rillen zum Grillen“ umbenennen solle. Jüngere Hörer schlugen „Lange Rillen zum Chillen“ vor. Wieder andere plädierten dafür, den Titel zu belassen. Einer begründete dies damit, dass sie „die Bedürfnisse des Hörers stillen“ würden. Eine Entscheidung steht noch nicht fest.

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