Berlin : Stillgestanden!

Zeitreise durch Berlin (2): Exerzieren ging dem Soldatenkönig über alles. Auch den Wohnungsbau förderte er nach Kräften, wenngleich viele Häuser leer standen. Und die Nachttöpfe durfte man unter seinem Regiment tatsächlich nur nachts in die Spree entleeren. – Ein Berlin-Besucher zieht naserümpfend Bilanz.

Ingo Bach

Der Braunschweiger Edelmann Carl von Freihausen war ein großer Bewunderer des ersten preußischen Königs Friedrich I. (1688/1701 bis 1713). Als junger Mann hatte er 1702 die Residenzstadt Berlin besucht. 35 Jahre später, unter der Herrschaft des Soldatenkönigs Friedrich Wilhelm I. (1713–1740), weilt er ein weiteres Mal für einige Tage in der Stadt – und ist schockiert. Hier der Brief dieses (zugegebenermaßen frei erfundenen) Freiherrn an einen Vertrauten, der in Braunschweig zurückgeblieben war. Ein Brief, wie er von vielen Besuchern, die Berlin unter den beiden so gegensätzlichen Königen erlebt haben, geschrieben worden sein könnte.

Mein lieber, teurer Freund,

wie trist ist sie geworden, die Hauptstadt aller Preußen. Vor fünfunddreißig Jahren, bei meiner letzten Visite, gab der königliche Hof noch den Lebenstakt der Stadt vor. Der Tanzstab regierte, überall erklang schöne Musik. Heute führen Spießrute und Trommel das Regiment. König Friedrich Wilhelm hasst allen Müßiggang und liebt den Drill. Kaum hatte er Platz genommen auf dem Throne, da ließ er den Lustgarten niederhauen. Die von seinem Großvater angelegten Blumenbeete, die Kräutergärtlein und die schön gestutzten Hecken, alles ebneten seine Lakaien ein, um Platz zu haben für brüllende Offiziere, die ihre Kerls mit dem Prügelstock tractiren, wenn sie nicht gut genug exercieren. Überall in der Stadt entstanden Paradier-Plätze, selbst dem Tiergarten schlugen sie dafür eine klaffende Wunde. Ganz Berlin ist eine einzige Caserne. Unflätige Bauerntölpel, denen die königlichen Werber den preußisch-blauen Rock aufzwangen, bevölkern die Straßen. Meinem wackeren Diener gelang es vor wenigen Tagen nur mit Mühe, einem Soldaten den respect abzutrotzen, der einem Adligen wie mir gebühret. Es bedurfte mehrerer Schläge mit der Rute.

Nie zuvor sah ich in einer civilisierten Stadt so viel militaire. Die letzte Zählung kam auf über 18 000 gemeyne Soldaten und Offiziere – und das auf 61 000 zivile Personen. Und womit verbringen die Soldaten ihre Zeit? Am Tage marschieren sie und erledigen einfachste Arbeiten, sie füllen die Lagerhäuser, entladen Waren von Handelskähnen, ja, selbst Wolle spinnen sie. Des Abends aber sprechen sie unmäßig dem Alkohol zu. Weinstuben für die Offiziere und Branntweindestillen für das blauberockte Fußvolk haben sich besonders in den Vorstädten breitgemacht. Der Dunst des unchristlichen Rausches wabert durch Berlin.

Ich war vor drei Tagen in so einer Weinstube, wollte probieren, was der gemeyne Berliner trinkt. Meine Wahl: ein roter Picardan, die Bouteille für nur fünf Groschen. Ein furchtbares Erlebnis, vor allem am nächsten Morgen, als mein Kopf schier zu zerspringen drohte. Die Berliner benetzen oft mit gekünsteltem Wein ihre Kehlen, nicht etwa, weil sie diesen Verschnitt aus saurem Wein, Wasser, Zucker, Pottasche und Hühnerkot lieben, sondern weil sie es nicht besser wissen. Seit Jahren überschwemmen die unwahren Weine unter schönen französischen Namen die Wirthshäuser. Selbst dem König wurde die excessive Verfälschung zu viel. Ausländischen Weinhändlern ist es nun verboten, in Preußen zu verkaufen, sie dürfen nur hindurchreisen. Und ein amtlich bestellter Weinvisirer prüft schon an der Accisemauer, ob der Import der Berliner Händler gut ist.

Was ist das für eine Stadt, die statt von Festungswällen von einer Accisemauer umgeben wird, nicht um den Stolz und die Ehre in blutigen Scharmützeln zu verteidigen, sondern um Krämern ihre Groschen abzunehmen. Es braucht drei stämmige Männer, um über die Mauer zu spähen. Gegen Kanonen hilft die Wand aus Brettern und Abbruchsteinen wenig, wohl aber gegen Schmuggler und Desertierende. Und was macht Friedrich Wilhelm mit dem Geld? Er lässt Uniformen weben. Aus kratzender Wolle, die der Haut nicht schmeichelt. Seide ist ihm verpönt. Allein schon bei dem Gedanken stellt sich Juckreiz bei mir ein. Und wie so ein Soldatenrock entsteht, entsetzt mich immer wieder aufs Neue. Gestern war ich in der größten manufactur der Stadt, dem Königlichen Waaren- und Lagerhaus an der Klosterstraße. Über 550 Personen verarbeiten in der ehemaligen Ritterakademie Wolle zu Tuchen. Die 236 Webstühle erzeugen einen unheimlichen Lärm, nichts mehr ist spürbar von der Ehre eines Handwerkers, der seine ganze Liebe in edle Tuche steckt. Diese fabrique ähnelt einem Ameisenhaufen, überall fleißige Arbeiter, die nicht denken, das neue preußische Ideal.

Neue Palais für den wohlbetuchten Mann von Adel entstehen in der Stadt nur wenige. Friedrich Wilhelm lässt lieber seinen Amtleuten Paläste bauen, so wie das Haus für die Königlichen Collegien an der Lindenstraße. So manchem Fürsten würde dieser Bau zur Ehre gereichen. Nur die Wilhelmstraße gleich am Brandenburger Thore wird ein prachtvoller boulevard der Wohlhabenden, auch wenn lange nicht alle freiwillig hier bauen. Der König zwingt sie dazu. Manchen gelingt es, sich mit vielen Thalern von der Baupflicht loszukaufen. Manchmal baut der gekrönte Geizhals auch selbst, dann fallen ein paar öffentliche Aufträge für die beschäftigungslosen Bildhauer und Stuckmacher ab. Seinem Sohne Friedrich ließ er ein Palais Unter den Linden errichten, gegenüber dem Zeughaus. Sogar am Stadtschloss werkelt man weiter. Aber die Decken in den Schlosszimmern werden nicht mehr vergoldet, sondern weiß getüncht - was für ein Elend. Einfachste Bürgerhäuser sind jetzt in Berlin à la mode. In der Friedrichstadt, der Vorstadt rechts der Spree, ziehen sich geduckte Massenquartiere an den Straßen entlang. Einförmige Wohnhäuser, mal gelb, mal weiß getüncht, ohne architectonisches esprit. Ich ließ mich vor einigen Tagen die Friedrichstraße entlangkoutschiren. Vor Langerweile schlossen sich meine Augen recht schnell, denn liebliche Fassaden sind daselbst selten zu sehen.

Der König forciert dies zügellose Wachsen seiner Residenz. Er schenkt den Bauherren Baumaterial und Geld, damit sie nur schnell machen. Und weil die königliche Schatulle den Bau der Häuser nach Straßenlänge und nicht nach Höhe oder Tiefe belohnt, ziehen sich Reihenhäuschen mit nur einer Etage an den Straßenrändern entlang. Die Oberaufsicht über die projecte hat der Adjudant des Königs, wen wundert’s, dass die Straßenzüge in der Friedrichstadt wie mit dem Lineal geschlagen sind. Die Stadt ist zwar gewachsen – das Doppelte seit den Tagen des ersten Friedrich –, aber die Bevölkerung kommt nicht hinterher. Viele Häuser stehen leer, weil keiner darin logiren mag. Doch dies ist dem König gleich, es geht ihm doch nur darum, in seiner Residenz Lücken zu schließen.

Eines aber muss man dem Hohenzollern lassen: Er ist reinlich, wäscht sich täglich, und Berlin tut’s mit ihm. Selbst die Straßen in der Vorstädten sind ordentlich gepflastert. Der Gestank von faecalien, der bei meiner letzten Visite noch die Straßen durchzog, hat merklich nachgelassen. Die Lüfte anderer europäischer Metropolen sind da weit weniger süß zu atmen. Der König hat im Namen der Göttin Hygieia seinen Unterthanen befohlen, die Stadt zu säubern. Jedermann muss alle zwei Tage vor seinem Hause bis zur Straßenmitte kehren. Das Zusammengefegte wird von einem der 28 Kutschwagen abgeholt, die die Stadt zur Reinigung der Straßen unterhält. Und auch die Unsitte, die Nachttöpfe zu jeder Tageszeit an jedem Orte einfach zu entleeren, ist per Majestätsordre bekämpft. Nur noch des Nachts darf der Unrat der Nacht-Stühle und -Töpfe ausgeschüttet werden, und nur in die Spree, an zwei gesonderten Orten, einer für Berlin, einer für Cölln. Beide secreter befinden sich weit weg vom königlichen Schlosse.

So, nun gut, mein lieber Freund. Für heute will ich schließen, der Wirth gemahnte mich gerade, die Kerzen zu löschen. Ein Blick auf die große Uhr im Schankraum genügt, um zu verstehen: Die Polizeistunde naht. In den nächsten Tagen werde ich noch einmal zur Feder greifen, um Dir neue Zeitung aus der Preußen-Hauptstadt zu geben.

Dir immer herzlich verbunden.

Carl

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