Berlin : Stillleben aus dem Stasi-Keller

Wie Erich Mielkes hohe Offiziere sich die Zeit vertrieben und mit Basteleien ihre Erfolge feierten – eine Ausstellung

Robert Ide

Jörg Drieselmann steht vor den bunten Plakatwänden und schüttelt den Kopf. „Das ist schon rührend, was die da zusammengebastelt haben“, sagt der Bürgerrechtler. „Die“ – das waren die Generalmajore und Oberste der DDR-Staatssicherheit. Die Hauptabteilung VII des Spitzeldienstes, eigentlich zuständig für Innenministerium und Volkspolizei, hatte sich Mitte der Achtzigerjahre an ihrem Hauptsitz in Lichtenberg eine kleine Traditionsstätte eingerichtet – eine farbenfrohe Ausstellung über die Erfolge im Kampf gegen den Klassenfeind. Nun wird die Ausstellung noch einmal gezeigt: am Original-Standort, mit den Original-Plakaten und Original- Fotos. Jörg Drieselmann, der Anfang 1990 bei der Besetzung der Stasi-Zentrale in der Normannenstraße dabei war und heute dort den Aufarbeitungsverein Astak leitet, hat die Basteleien aus Mielkes Keller ans Licht geholt. Zwei Jahre hat er gebraucht, um eingestaubte Exponate zu restaurieren, alte Fotos neu zu entwickeln und Papierschnipsel zusammenzukleben. Drieselmanns Ziel: „Alles soll genauso aussehen wie früher.“

Der Tagesspiegel durfte die Ausstellung schon einmal vorab besuchen. Ab Mittwoch bietet die Schau einen bizarren Einblick in das Innenleben der Stasi – und in die Denkweise der Spitzel. Beispiel: Ein Plakat hängt an der Wand. Auf rotem Samtpapier aus dem Spielzeugladen sind fein säuberlich ausgeschnittene Papier-Buchstaben aufgeklebt. Sie bilden eine Parole: „Kommunisten, Kämpfer, Erzieher, Vorbilder.“ An anderen Wänden gibt es bunte Collagen nach Schablonenmuster. Gespickt mit Kampfesgrüßen, Fotos und Zeitungsausschnitten künden sie von der „unverbrüchlichen Freundschaft mit dem Lande Lenins“, von der Sicherheit der deutsch-deutschen Grenze und der Arbeit der Stasi an ihrer Patenschule. Neben Bildern von lachenden, Ball spielenden Schülern steht: „Mit großer Einsatzbereitschaft helfen unsere Genossinnen und Genossen bei der Erziehung unserer Kinder zu jungen Sozialisten sowie zur Freude am Sport.“

Ein großer Teil der Schau ist – wie sollte es bei der Stasi anders sein – der Entlarvung der Feinde des Sozialismus gewidmet. Stolz werden Gegenstände präsentiert, die die Spitzel beschlagnahmt hatten: das Funkgerät eines amerikanischen Agenten, das in einem Buch versteckte Radio eines Strafgefangenen, ein Paar Straßenschuhe mit anmontierten Schraubenziehern, die als Waffe dienen sollten.

Knapp zwei Jahre waren die mit Lineal und Schere bewaffneten Sicherheitsleute beschäftigt, um all das aufzubauen. In seitenlangen Vorlagen und Konzeptionen wurde erarbeitet, wie die Traditionsstätte zu gestalten ist, damit „der Betrachter die führende Rolle der SED empfindet“. Vor allem jüngere Stasi-Mitarbeiter sollten mit der Ausstellung begeistert werden. Aber auch verdiente Tschekisten bekamen zwischen den Stellwänden Prämien oder Auszeichnungen überreicht. Zuweilen schienen sich die Ausstellungsmacher ihrer Sache allerdings nicht ganz sicher zu sein. Der Leiter der Hauptabteilung VII, Generalmajor Büchner, gab im Dezember 1987 die Anweisung: „Es ist einfühlsam darauf Einfluss zu nehmen, dass im Gästebuch jegliche Würdigungen über die Ausgestaltung der Traditionsstätte vermieden werden.“

Die Traditionsstätte der Stasi ist ab Mittwoch zu sehen in der Gedenkstätte Normannenstraße 22 (U-Bhf. Magdalenenstraße). Geöffnet ist montags bis freitags von 11 bis 18 Uhr, am Wochenende von 14 bis 18 Uhr. Weitere Informationen: www.stasimuseum.de

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