Berlin : Stillstand nach jedem Fund

Mindestens 15 Brandsätze sind seit Montag gefunden worden – von den Tätern fehlt jede Spur. Bundespolizei verstärkt Einsatz

T. Buntrock[K. Kurpjuweit],H. Heine[K. Kurpjuweit],S. Scholz[K. Kurpjuweit],R. W. During
Auf der Suche. Bundespolizisten gehen am Mittwoch im Hauptbahnhof auf Streife. Nach erneuten Funden von Brandsätzen ist der Bahnverkehr weiter gestört. Foto: dpa
Auf der Suche. Bundespolizisten gehen am Mittwoch im Hauptbahnhof auf Streife. Nach erneuten Funden von Brandsätzen ist der...Foto: dpa

Diesmal hat es die Strecke Berlin- Hannover und den S-Bahn-Ring getroffen. Wieder waren es Plastikflaschen mit einer brennbaren Flüssigkeit, die Unbekannte in Kabelschächten deponiert hatten und die bei einer Zündung die Signale lahmlegen sollten. Am Mittwoch wurden solche Brandsätze westlich von Staaken gefunden, außerdem am S-Bahn-Ring nahe Gesundbrunnen und Südkreuz. Die Summe von 100 000 Euro, die die Deutsche Bahn für Hinweise auf die Täter ausgelobt hat, ist ungewöhnlich hoch. Für Hilfe bei Mordfällen setzen die Behörden meist 5000 Euro aus. Der Brandsatz bei Staaken war wohl am Montag, als ein Anschlag bei Brieselang die dortigen Signalkabel zerstört hatte, unbemerkt entflammt, ohne große Schäden anzurichten. Die anderen am Mittwoch entdeckten Brandsätze wurden gefunden, ohne dass sie sich entzündet hätten.

Die Deutsche Bahn, zu der auch die Berliner S-Bahn gehört, prüft nach eigenen Angaben nun, die eigenen Sicherheitskräfte aufzustocken. Seit dem Anschlag bei Brieselang am Montag hat schon die für Bahnstrecken zuständige Bundespolizei ihre Kräfte verstärkt. Es seien Einheiten zur Überwachung von Gleisen und Bahnhöfen herangezogen worden, sagte ein Sprecher. Die Beamten arbeiteten sowohl in Uniform als auch in Zivil. Ihre Zahl wurde aus taktischen Gründen nicht mitgeteilt. Die zusätzlichen Beamten würden nicht aus dem Kontingent abgezogen, das seit Wochen in Berlin nachts nach Autobrandstiftern sucht. Diese 400 Polizisten gingen ihrer Aufgabe weiter nach, sagte der Sprecher. Allerdings werde der Hubschrauber mit Wärmebildkamera, der zur Suche nach mutmaßlichen Autobrandlegern genutzt wird, nun auch zur Schienenkontrolle genutzt. Die Bundespolizei betonte, dass das eine lückenlose Überwachung des mehr als 6400 Kilometer langen Schienennetzes der Bahn in Berlin und Brandenburg nicht möglich sei. Der Chef der Bundespolizeidirektion, Klaus Kandt, bezeichnete das Sicherheitskonzept von Bundespolizei und Deutscher Bahn als Erfolg. Dies zeige sich daran, dass die meisten Brandsätze gefunden worden seien, bevor sie zündeten. Allerdings waren viele der Brandsätze in dieser Woche wohl eher zufällig entdeckt worden. Am Mittwoch etwa hatte ein S-Bahn-Fahrer aus dem Zug heraus etwas Verdächtiges gesehen, am Dienstag wurden durch Routinearbeiten bei Grünau Brandsätze entdeckt. Und auf den Fund bei Staaken war man gestoßen, weil es bei den Reparaturen an der Strecke nach Hamburg offenbar Hinweise auf neue Schäden an der Strecke nach Hannover gegeben hatte.

Wie in den vergangenen Tagen gab es auch am Mittwoch Verkehrsbehinderungen. Die Gleise der Schnellfahrstrecke bei Staaken waren von 11.30 Uhr bis 14 Uhr gesperrt; die Fernzüge fuhren über die parallele Stammbahn, auf der kein hohes Tempo möglich ist. In Schöneberg sperrten Beamte am Vormittag die Torgauer Straße/Ecke Gotenstraße, der Verkehr wurde umgeleitet. Die S-Bahnen zwischen Südkreuz und Schöneberg wurden gestoppt. Nach Tagesspiegel-Informationen wurde am Nachmittag in diesem Bereich ein weiterer verdächtiger Gegenstand entdeckt. Insgesamt sollen sich seit Montag rund 2000 Züge in und um Berlin verspätet haben.

Die Polizei geht davon aus, dass linksradikale Täter alle in dieser Woche bisher entdeckten Brandsätze – mindestens 15, je nach Zählweise der teils mehrteiligen Konstruktionen – deponiert hatten und die nun nach und nach entdeckt werden. In einem im Internet veröffentlichten Bekennerschreiben hieß es, die Tat richte sich gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan. Die Polizei schloss am späten Abend nicht aus, dass weitere Brandsätze gefunden werden. Eine Gefahr für Menschen sehen Experten jedoch nicht, auch weil bei technischen Defekten die Züge automatisch stoppen würden. Zuerst waren am Montag auf der Strecke nach Hamburg bei Brieselang Kabel in Brand gesetzt worden. Die Reparaturen dort werden frühestens an diesem Donnerstag abgeschlossen sein. So lange werden die Züge von und nach Hamburg über Stendal umgeleitet.

Wie die Brandsätze funktionieren, war nicht zu erfahren. Brennbare Flüssigkeiten in den Flaschen sollten wohl mithilfe eines Zeitzünders entflammt werden. Offenbar handelt es sich nicht um technisch ausgefeilte Konstruktionen. Diese hätte der Regen der vergangenen Tage kaum funktionsunfähig machen können.

Nicht mit den Anschlagsversuchen zusammenhängen sollen die am Mittwoch auf einem Gehweg am Ostbahnhof gefundenen Benzinkanister. Die Polizei vermutet in diesem Fall „Nachahmungstäter“.

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