Berlin : Stimmabgabe mit kulturellemHintergrund

Erkner und Vierraden machten

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Von Claus-Dieter Steyer

Potsdam. Der verregnete Wahlsonntag bescherte den Brandenburger Museen viele Besucher – ganz besonders in zwei Orten: In Vierraden bei Schwedt und in Erkner am südöstlichen Berliner Stadtrand. Das lag aber weniger an neuen Ausstellungen, sondern am Schild mit der Aufschrift „Wahllokal“ an der Tür. Während sonst Schulen, Gemeindesäle, Kindergärten und Rathäuser als Orte für die Stimmabgabe dienten, entschieden sich Vierraden und Erkner für diese ungewöhnlichen Plätze. Nachfragen ergaben gestern, dass nicht wenige Wähler ihren Spaziergang zum Wahllokal im Tabak- beziehungsweise Heimatmuseum gleich mit einem Besuch der Ausstellungen verbanden.

In zwei anderen Orten spielten Museen eine ganz andere Rolle. In Haseloff bei Treuenbrietzen und in Horno an der Neiße fürchten viele Anwohner, dass ihr Orts bald nur noch im Heimatmuseum zu bestaunen sein wird. Beide Dörfer sind in ihrer Existenz bedroht: Haseloff wegen der Gemeindereform, Horno wegen des Tagebaus. Und so hingen in beiden Orten neben den üblichen Parteiplakaten auch Protestparolen. „Haseloff lebt weiter“, hieß es beispielsweise auf einem Spruchband, auf dem Plakat an der Bushaltestelle steht: „Haseloff bleibt!“. Die Beschriftung der Wahlbenachrichtigungskarten hatte die spontane Aktion ausgelöst. Denn da fehlte in den Adressen der Ortsname. Statt dessen war nur noch von den zusammengelegten Orten „Grabow“ und „Mühlenfließ“ die Rede.

Die Einwohner in Haseloff fühlten sich als Opfer der großen Brandenburger Gemeindegebietsreform. Haseloff, mehr als 600 Jahre ein selbstständiges Dorf, hatte sich schon vor längerer Zeit mit dem Nachbarort Grabow zur Doppelgemeinde Haseloff-Grabow zusammengeschlossen. Da in Brandenburg künftig nur noch „Verwaltungseinheiten“ mit mindestens 5000 Einwohnern existieren sollen, wurde in der Gegend zwischen der Autobahnabfahrt Niemegk und Treuenbrietzen am 1. Januar dieses Jahres die Großgemeinde Mühlenfließ aus der Taufe gehoben. Während die anderen Dörfer wenigstens ihre Namen als Untertitel behielten, verschwand Haseloff in der Versenkung. „Ich habe die Benachrichtigungskarten gleich zurückgeschickt“, sagte ein Mann, der auf der Dorfstraße spaziert. Und er weiß, dass viele „ebenso gehandelt“ haben. Zur Wahl wollte er dennoch gehen. „Im Ausweis steht ja noch Haseloff.“

In Horno dagegen dürfte gestern letztmalig zu einer Stimmabgabe aufgerufen worden sein. Anfang nächsten Jahres soll die Umsiedlung in einen Ortsteil von Forst beginnen, um den Kohlebaggern im Tagebau Jänschwalde freie Bahn zu geben. Eine Mehrheit der 350 Einwohner wehrt sich zwar noch gegen den angeordneten Umzug, aber bis auf Bündnis 90/Die Grünen und Teile der PDS haben alle Parteien das Todesurteil für Horno gebilligt. Die Arbeitsplätze in der Kohle- und Energiewirtschaft besitzen für sie Vorrang.

Gleich zwei Stimmzettel erhielten – wie berichtet – die Einwohner von Bad Saarow-Pieskow sowie der umliegenden Orte Neu Golm und Petersdorf. Sie haben sich kürzlich zu einer Großgemeinde zusammengeschlossen, über deren Namen gestern abgestimmt werden sollte. „Bad Saarow-Pieskow“ oder schlicht „Bad Saarow“, lauteten die Alternativen. Seit dem 1. Juli 1950 sind die beiden Orte am Scharmützelsee miteinander liiert. Obwohl im Sprachgebrauch schon längst auf das laut Tourismusstrategen etwas provinziell klingende Anhängsel verzichtet wird, hatte sich bei der letzten Abstimmung vor zwei Jahren noch eine Mehrheit für den Doppelnamen entschieden.

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