Berlin : Stimmann: „Ein Friedhof unserer Vergangenheit“

Der Senatsbaudirektor erläuterte an Ort und Stelle seine umstrittenen Pläne für das Kulturforum

Alexander Schäfer

Der Rasen vor der Matthäikirche ist voller Menschen, die sich in der Sonne fläzen; Frisbee-Scheiben fliegen bis zur Philharmonie. Ein Traum? Nein, nur eine Rückblende ins vergangene Jahr, wo während der MoMA-Ausstellung das Kulturforum von Touristen wie Berlinern ausnahmsweise gut angenommen wurde. Diesen Zustand will der nun vorliegende Masterplan zur neuen Gestaltung des Kulturforums dauerhaft erreichen. Doch es gibt viel Kritik. Gegner des Plans befürchten, das Scharounsche Ensemble aus Philharmonie und Staatsbibliothek werde entwertet. Für Senatsbaudirektor Hans Stimmann war das Grund genug, um seine Pläne am Freitagabend an Ort und Stelle zu erläutern und seine Kritiker zu einem Informationsrundgang zu laden.

„Das Kulturforum ist der Friedhof unserer Vergangenheit“, sagte Stimmann provokativ. In seinen Augen müsse hier dringend etwas passieren. Vor allem die Piazetta genannte Eingangsfläche vor der Gemäldegalerie solle weg. Widerstand kommt ausgerechnet aus Stimmanns eigener Partei: „Nach Stimmanns Plänen können Scharouns Visionen nicht mehr verwirklicht werden“, sagt Heinrich-Wilhelm Wörmann von der SPD Tiergarten Süd. „Scharoun zu vollenden, heißt Parkplätze bauen“, kontert Stimmann.

Scharoun habe in einer Zeit gelebt, die längst Vergangenheit sei. In einer Zeit, in der nahe dem heutigen Sony-Center noch die umstrittene Westtangente gebaut werden sollte. Der unter Stimmann überarbeitete Masterplan sieht hingegen eine Aufhebung von Straßen vor. Busbahnhof und Parkplätze an der Philharmonie sollen ebenso wie die Herbert-von-Karajan-Straße teilweise renaturiert werden.

Von der Rampe vor der Gemäldegalerie führt Stimmann zur darunter liegenden, nicht öffentlich zugänglichen Tiefgarage; ein Ort betonierter Nutzlosigkeit. Die Piazetta vor dem Eingang zur Galerie und die 250 leeren Stellplätze sollen laut Masterplan einem Museumsvorplatz weichen.

„Die ansteigende Fläche wirkt wie eine Barriere“, sagt Stimmann, „deshalb kommen so wenige Besucher.“ Das sieht der Direktor des benachbarten Kupferstichkabinetts, Hein Schulze Altcappenberg, anders. „Zwar kommen weniger Touristen zu uns als auf die Museumsinsel, aber die Besucher bleiben mehrere Stunden.“

Von der leeren Garage führt Stimmann über das Musikinstrumentenmuseum, dessen neuer Osteingang gegenüber dem Sony-Center im August eröffnet wird, zur Potsdamer Straße. Statt des von Scharoun geplanten „Hauses der Mitte“ sieht der Masterplan mindestens sieben Gebäude vor. Stimmann verweist auf Parallelen zum Konzept von Scharoun, wenn er von „Freiflächenbebauung“ an der Philharmonie, der Matthäikirche und der Staatsbibliothek spricht. Scharoun-Anhänger wird das nur schwer versöhnen.

Immerhin können alle noch bis zum 19. Juni über den Masterplan im Internet (www.kulturforum-dialog.de) diskutieren.

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