Berlin : Stimme Brasiliens

Gilberto Gil eröffnet das Festival „Copa da Cultura“

Sandra Luzina

Das soll den Brasilianern erst mal einer nachmachen. Bevor Ronaldinho, Ronaldo und Co. anreisen, präsentieren sie ein Festival mit rundem Programm, die „Copa da Cultura“. Die Eröffnung bot gleich die reine Glückseligkeit. Denn die „Stimme Brasiliens“" hatte sich angekündigt: Kulturminister Gilberto Gil absolvierte im Haus der Kulturen der Welt eins seiner raren Konzerte – sein Auftritt war ein Geschenk an die Berliner. Die dankten es dem charismatischen Sänger und Songwriter, der im Juni seinen 64. Geburtstag feiert, auf ihre Weise: Sie öffneten ihre Herzen und lockerten ihre Hüften.

Großer Jubel bricht dann los, als Gil mit federnden Schritten und wehenden Rastazöpfen hineingetänzelt kommt und die Gitarrero-Pose markiert: Für sein aktuelles Programm „Electracústico“ hat er sich eine ungewöhnliche Besetzung geholt: begleitet von Sergio Coelho (Gitarre), Cicero Assis (Akkordeon und Keyboard) sowie Marcos Costa und Gustavo Leite (Percussions) präsentiert er rockige Interpretationen seiner Evergreens. Souverän ließen Gil und seine Band zudem eine bewegende Version von John Lennons „Imagine“ sowie mehrere Bob-Marley-Hymnen einfließen. Entspannter Brasil-Reggae wechselt mit lebhaftem Tropen-Funk, Samba zum Mitsingen und melancholischen Balladen.

Wenn Gil spricht, ist es ganz still. Die Tropicalismo-Legende hat nicht nur in den sechziger Jahren die brasilianische Musik revolutioniert, sie mit Einflüssen von Rock und Jazz gekreuzt. Gil hat auch intensiv seine afro-brasilianischen Wurzeln erforscht – in Songs, aus denen eine große Spiritualität spricht. Auch in Berlin beschwört er die alten Mythen, er erinnert an die schwarze Diaspora und an das Leiden der Sklaverei, etwa in „La Lumen de Goerge“, einer schmerzhaft-schönen Ballade. Bis sich wieder die unbeschwerten Trommelrhythmen vordrängen. Fröhlich- traurige Tropen: Den Schmerz wegzutanzen, dass verstehen die Brasilianer. Bald ist Gil von ausgelassenen Landsleuten umringt, die Stimmung im Saal kippt zwischendurch ins Karnevalistische.

Doch Gil ist ein Mann von moralischer Autorität – und ein Musiker mit einer Botschaft. Selbst wenn er ein überschwängliches Tänzchen hinlegt, ist dies ein politisches Statement. Deshalb wird das Konzert nicht zur Gute-Laune-Feier. Als die Nacht hereinbricht, erstrahlt die Kongresshalle in Gelb, Grün und blau. Berlin ist an diesem Abend ein bisschen brasilianischer geworden.

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