Stimmt so! Nicht. : Die Berliner geizen beim Trinkgeld

Kupfer statt Silber: Immer mehr Gäste in Berliner Cafés und Restaurants geben als Trinkgeld bestenfalls Kleinstbeträge - wenn überhaupt. Dabei ist das Personal dringend darauf angewiesen.

Moritz Herrmann,Karoline Kuhla
Machen Sie fünfzehn. Auswärts zu essen und zu trinken ist in Berlin so günstig wie kaum irgendwo in Deutschland. Trotzdem bedenken Gäste die Servicekräfte nicht mit üppigem Trinkgeld. Foto: dpa
Machen Sie fünfzehn. Auswärts zu essen und zu trinken ist in Berlin so günstig wie kaum irgendwo in Deutschland. Trotzdem bedenken...Foto: picture-alliance / gms

„Wieso geht das denn nicht?“ Der Gast will unbedingt mit EC-Karte zahlen, aber das ist im Restaurant „Stiege“ in Kreuzberg erst ab 10 Euro möglich. „Bitte bar, tut uns leid.“ Der Gast knurrt und fingert ein paar Münzen aus seinem Portemonnaie. 8,95 Euro fordert die Rechnung. Der Besucher gibt 9 Euro. Fünf Cent Bonus für den Service, die Suppe und den Saft. Später sagt Kellner Mahmut Saur: „Die Leute geben immer weniger, mittlerweile oft Kleinstbeträge.“

Die Szene illustriert eine alte Debatte neu: Wie großzügig ist die Hauptstadt beim Trinkgeld? Und wie geht es den Kleinstbeträgesammlern in den Restaurants, Cafés und Bars, wenn der Bonus nicht mehr silbern ist, sondern aus Kupfer? Saur seufzt: „Es ist ziemlich schade. Das Geld sitzt nicht mehr so locker.“ Eine Meinung, die man am Wittenbergplatz teilt. Der beflissene Tablettträger aus dem Restaurant „Faustus“ erzählt: „Große Summen, das war einmal. Es ist jetzt mehr ein Aufrunden als ein Trinkgeld.“

Natürlich bleibt es in Deutschland noch jedem Gast überlassen, ob und wie viel Extra er dem Personal gibt. Zahlzwang herrscht nicht. Trinkgeld ist freiwillig – und wurde gerade deshalb oft und gerne gezahlt. Wenn jetzt aber die Margen, wie in so mancher Berliner Gastronomie beklagt, bis an oder sogar auf null schrumpfen, ist das eine bedenkenswerte Entwicklung. „Früher galt die Faustregel: Das Trinkgeld ist das zweite Gehalt des Kellners“, erzählt Klaus-Dieter Richter, Vizepräsident des Hotel- und Gaststättenverbandes Berlin und Vorsitzender der Fachgruppe Gastronomie. „Heute bewahrheitet sich das nicht mehr. Touristen geben gerne, im Urlaub ist man eben spendabler, Stammkunden auch oft noch – aber sonst? Mau.“ Dabei sind viele Angestellte auf das Plus angewiesen, in einer Branche, die den Mindestlohn oft nur als abstrakten Begriff aus den Nachrichten kennt. Trinkgeld – da verläuft die Kampflinie nicht nur zwischen Gast und Kellner, sondern auch zwischen Schürzetragendem und Chef.

Ein Café am Potsdamer Platz, der Kellner hat eben abkassiert. Fünf Minuten Zeit für ein paar schnelle Fragen zum Thema Trinkgeld? „Eigentlich gern. Aber der Chef sitzt da drüben, er darf das nicht hören. Geht also nicht.“ Bei vielen geht es nicht. Die Reaktionen der Kellnerinnen und Kellner rund um den Potsdamer Platz ähneln einander: Auf Trinkgeld angesprochen, blicken alle über die Schulter. Sind die Kollegen, ist der Chef in Hörweite? Immer folgen darauf nur zögerlich Antworten mit gesenkter Stimme. Sorgenvoll bitten die Befragten darum, nicht mit Namen erwähnt zu werden. Auch das Restaurant solle man besser nicht nennen. Erst derart abgesichert, erzählen sie. „Der Arbeitgeber plant das Trinkgeld fest mit ein – wir sind also darauf angewiesen.“ 15 bis 20 Euro Trinkgeld kämen in der Schicht tagsüber zusammen, erzählt die weibliche Bedienung einer Bar. Abends seien es dagegen bis zu 50 Euro pro Tag, deshalb sei diese Schicht beliebter. Sie rechnet vor: Wenn sie fünf Tage die Woche abends arbeitet, machen die 250 Euro ein Viertel ihres Gehalts aus.

Richters These bestätigt sich hier: Trinkgeld nicht als zweites Gehalt, sondern als ein Viertel des ersten. Schwierig wird es, wenn die Gäste mit Karte zahlen wollen. Denn: „Nur selten legen sie bar noch etwas dazu.“ Manche lassen den Betrag am Kartenlesegerät aufstocken, nicht wissend, dass das Personal es dann ganz anders versteuern muss. Das Finanzamt rechnet die Summe nämlich nicht auseinander und belastet den kompletten Betrag mit einer Umsatzsteuer. Es soll Gastronomen geben, die ihren Mitarbeitern diese zusätzliche Besteuerung wieder abziehen.

Das „Tony Romas“ lebt den amerikanischen Stil, von den Burgern bis zur Waiting-to-be-seated-Aufforderung. Amerikanische Großzügigkeit beim Trinkgeld, also 20–25 Prozent, erwartet Kellnerin Sandra R. trotzdem nicht. Dabei können die Gäste auch mit Karte einen Tip geben. Nur wenige machen das. Ein Gast möchte die Rechnung über 62,20 Euro mit Karte begleichen. „70 Euro“, sagt er und Sandra R. gibt es in das EC-Lesegerät ein. Der Gast wartet. Kriegen Frauen mehr Trinkgeld? „Wir vergleichen nicht. Aber ich glaube kaum“, sagt Sandra R. Das EC-Gerät surrt, die Quittung kommt. Der Kunde nimmt die Rechnung und stubst R. noch mal mit dem Ellenbogen an: „Einem Mann hätte ich nicht so viel Trinkgeld gegeben“, sagt er grinsend.

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