Berlin : Stölzls Valium: der Kultursenator vor dem Kulturausschuss (Kommentar)

Frederik Hanssen

Berlins Kultursenator Christoph Stölzl liest seine Akten gern nachts im Bett. Das vertraute er gestern den Parlamentariern im Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses an - gleich nachdem er das Motto seiner Amtszeit ausgegeben hatte: "Sich jederzeit gegenseitig die Wahrheit zumuten." Man mag dem Amtsneuling den Drang zur Heimarbeit kaum verdenken angesichts der unangenehm vielen leeren Zimmern rund um seinen Arbeitsplatz in der Kulturverwaltung. Christoph Stölzl hat noch keinen einen Staatssekretär und keinen Büroleiter mehr, geschweige denn einen eigenen Kultur-Pressesprecher. Also verkroch er sich während seiner ersten zwei Dienstwochen ganz allein mit seinen Akten im Bett und lies sich "die Zahlen aufs Haupt regnen - wie Onkel Dagobert seine Goldtaler".

Im Gegensatz zu dem tierischen Trilliardär verursachte ihm diese Kur allerdings "schlaflose Nächte". Unausgeschlafen hörte sich dann auch seine Antrittsrede am Montag vor dem Kulturausschuss an. Wo waren die brillanten Formulierungen, die geistreichen Pointen, die klugen Wortspiele, die man sich vom Schöngeist auf dem Senatorensessel versprochen hatte? Und vor allem: Wo waren die Visionen? Gewiss, es ist an der Zeit, die "Berliner Theater als Einheit zu denken" und auch Runde Tische, an denen Strukturreformen diskutiert werden können, sind prinzipiell zu begrüßen. Aber was sollte dieser Parade altbekannter Ideen verblichener Kultursenatoren? "Die Off-Szene ist der Humus der Berliner Kultur" (siehe Roloff-Momin ff.), "Die Institutionen müssen sich dem Nachwuchs öffnen" (vergl. Radunski), "Die Tariferhöhungen sollen vom Senat ausgeglichen werden" (dito Thoben). Nun ja, ein paar unverkennbare Stölzl-Ideen waren auch dabei (das Erbe Preußens und des Deutschen Reichs, "Berliner Kulturpolitik ist Bundespolitik" etc.). Und es gab auch eine zitierfähige Aussage für die Presseagenturen: Künftig sollen die großen Institutionen einen Grundversorgungsbetrag bekommen, aber für Sonderprojekte um die Gunst senatsexterner Geldtöpfe wie Lotto oder Naumanns Hauptstadtkulturfonds buhlen müssen. Bei der dpa wurde "Die Berliner Kultur muss sich dem rauen Wind des Wettbewerbs stellen!" daraus. So streng war das auch wieder nicht gemeint.

Todernst dagegen meinten die Damen und Herren Kulturausschussmitglieder das, was sie zu Stölzls Rede zu bemerken hatten. Tiefe Sorge sprach aus ihren Beiträgen: Angst um die bezirkliche Kulturarbeit (PDS), um die Zukunft des Friedrichstadtpalastes (SPD), die "Subkulturszene" (CDU) und die Kontrollmöglichkeiten des Parlaments bei Umwandlung von Staatsbetrieben in GmbHs (Bündnis 90/Grüne). So laut und dumpf dröhnte an diesem sonnigen Vormittag der alte Westberliner Leierkasten, dass im Herzen des Beobachters ein Wunsch aufkeimte - in dieser Legislaturperiode möge der Kulturausschuss fürderhin nicht mehr öffentlich tagen. Dass nur den Fröhlichen die Zukunft gehöre, wissen wir von Christoph Stölzl. Aber man will ja auch nicht immer dabei sein, wenn die Pointen ausgeknobelt werden.

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