Berlin : Stolperfalle S-Bahn

Bahnsteige und Wagen sind unterschiedlich hoch Einheit scheitert an Vorgaben des Ministeriums

Klaus Kurpjuweit

Und da ist es wieder passiert: Die junge Frau stolpert und stürzt. Beim Einsteigen in die S-Bahn auf dem Bahnhof Potsdamer Platz. Auch sie hat nicht damit gerechnet, dass beim Schritt vom Bahnsteig in den Zug eine Stufe überwunden werden muss. Der Fahrzeugboden ist mehrere Zentimeter tiefer als der Bahnsteig. Solche Fallen gibt es zahlreich im Netz der S-Bahn. Die Höhen der Bahnsteige und der Fußböden in den Fahrzeugen sind oft verschieden – weil das Bundesverkehrsministerium es so wollte. So wird das Ziel des Senats, Berlin zu einer barrierefreien Stadt auszubauen, auf unabsehbare Zeit nicht erreicht.

Dabei war die S-Bahn auf einem guten Weg. Etwa 80 Prozent der 165 Bahnhöfe gelten mit ihren Aufzügen und Rampen als behindertengerecht ausgebaut. Bei der U-Bahn der BVG sind es dagegen nur etwa 37 Prozent. Allerdings dürfte es auf einem barrierefreien Bahnhof keine Stufe beim Ein- und Aussteigen geben.

Weil die Fußböden bei den alten Fahrzeugen höher waren als die Bahnsteige, half sich die Reichsbahn in der DDR mit einem Trick, den das Verkehrsministerium genehmigte. Da der Bau neuer Fahrzeuge nicht möglich war, durfte die Bahnsteighöhe von 96 Zentimeter auf 1,03 Meter gesteigert werden. Die Fußböden der alten Fahrzeuge waren 1,1 Meter hoch.

Als die BVG 1984 den Betrieb der S-Bahn im Westteil der Stadt übernommen hatte, hielt sie sich an diese Vorgaben, obwohl es jetzt technisch möglich war, Fahrzeuge mit einer geringeren Fußbodenhöhe zu entwickeln. Doch das Netz sollte einheitlich bleiben. So erhielt auch der neue Fahrzeugtyp der BVG die alte Fußbodenhöhe.

Vorbei mit der Einheit auf der Schiene war es dann nach der politischen Einheit. Nun hatte das Bundesverkehrsministerium das Sagen, und die Beamten in Bonn drückten 1994 durch, dass es bei der Berliner S-Bahn in Zukunft nur noch Bahnsteige mit der bundesweit üblichen Höhe von 96 Zentimetern geben darf.

S-Bahn-Chef Günter Ruppert hatte sich vergeblich dagegen gewehrt. Sein Hinweis, damit sei es nicht mehr möglich, Fahrzeuge und Bahnsteige einheitlich aufeinander abzustimmen, fand bei den Beamten kein Gehör. Das neue Fahrzeug der Baureihe 481 hat deshalb eine Fußbodenhöhe von 96 Zentimetern.

Hält der Zug nun an einem Bahnsteig der alten Norm, gibt es beim Ein- und Aussteigen einen erheblichen Höhenunterschied. Auch wenn ein älteres Fahrzeug an einem Bahnsteig der neuen Norm steht, gibt’ s die Stufe. Kleiner Trost: Auch die U-Bahn ist am Bahnsteig nicht immer stufenfrei.

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