Berlin : Stolpersteine am Trompetenbaum

Der Skulpturengarten der Neuen Nationalgalerie ist in schlechtem Zustand Ein Verein kümmert sich um die Sanierung des grünen Kleinods

Andreas Conrad

Der 16. September 1968 war für West-Berliner Kunstfreunde ein glorioser Tag, doch nicht ganz ungetrübt: Zum ersten Mal öffnete sich die Neue Nationalgalerie an der Potsdamer Straße dem normalen Publikum, leider bei Regen. An sich kein Problem, das Dach war dicht, doch durfte, der schönen neuen Teppiche wegen, niemand raus in den Skulpturengarten, obgleich der wesentlich war für Mies van der Rohes Konzept. Den extra ausgelegten großen Fußabtretern traute man offensichtlich nichts zu: Die drei Glas-Doppeltüren ins Freie blieben geschlossen, und die Kunst, die noch am Abend zuvor bei der Eröffnung von tausenden Gästen umringt gewesen war, beschallt auch von den Klängen einer „Beatband“, wie der Tagesspiegel vermerkte, stand nun einsam im Regen.

Solche Wetterfühligkeit ist bis heute geblieben, nur sorgt man sich nun weniger um die Auslegware als um die Kunstwerke im Haus, die es vor zu hoher Luftfeuchtigkeit zu schützen gilt, wie Fritz Jacobi, Kustos an der Nationalgalerie, erläutert. Aber an Sonnentagen darf der Kunstfreund nach draußen, in den Kunstpark von 20 mal 80 Metern hinter dem Museumsbau, und sich im Schatten von Bäumen und Sträuchern der Werke aus Stahl und Bronze erfreuen, darunter solchen von Rodin, Maillol, Rickey, Heiliger oder Marcks. Nur sollte er nicht nur nach vorn, sondern ebenso nach unten schauen, um nicht zu stolpern und einer der Statuen um den Hals zu fallen.

„Der Skulpturengarten ist in einem sehr schlechten Zustand, er braucht dringend unsere Hilfe“, klagt der Verein Mies van der Rohe Skulpturengarten e.V. und zählt die Mängel des Kleinods auf: „Bodenplatten, Mauern, Steinbänke müssen gründlich saniert werden. Bäume sind abgestorben und müssen ersetzt werden, Büsche und Bodendecker sind verwildert und müssen neu gepflanzt werden. Die Skulpturen sollen in ihren Fundamenten gesichert werden.“ Vor Jahresfrist hat sich der Verein (www.der-garten-von-mies.de) gegründet, eine Ergänzung zu den Freunden der Nationalgalerie, die sich um Ausstellungen wie die MoMA-Schau im Vorjahr oder Neuerwerbungen kümmern. Die Gartenanhänger haben sich dagegen die Sanierung des Skulpturenparks zum Ziel gesetzt, waren schon an der Reparatur des Brunnens beteiligt und haben unlängst als symbolischen Akt einen Trompetenbaum gepflanzt – wie dies schon der Architekt 1968 dort getan hatte.

Ganz so dramatisch wie vom Verein beschworen sieht Kustos Jacobi die Lage nicht. „Im Moment im Prinzip in Ordnung“, umreißt er die Lage, nennt aber ebenfalls Bodenplatten, die neu verlegt, Sträucher, die beschnitten und ergänzt, Boden, der ausgetauscht, und Skulpturen, die restauriert werden müssten. Zugleich verweist er auf die fällige, derzeit nicht absehbare Gesamtsanierung des Hauses, begrüßt aber ansonsten die Aktivität des Vereins. Immerhin gebe es das Gutachten eines Studenten über den Originalzustand. Vage geht Jacobi von 200 000 Euro aus, die eine Reparatur kosten würde. Der Verein nennt das Doppelte und verweist auf ein Gutachten der Bundesbaudirektion.

Durch den Garten, der auch von oben, von der Freifläche aus einsehbar ist, war die Neue Nationalgalerie schon früh mit dem Museum of Modern Art verbunden: Mies van der Rohe wurde dazu durch den Garten des New Yorker Museums angeregt, den sein Schüler Philip Johnson in den frühen Fünfzigern entworfen hatte. Fürs West-Berliner Publikum verband sich der Museumsgarten aber nicht nur mit Bildender Kunst, sondern ebenso mit der Konzertreihe „Jazz in the Garden“. 1973 trat dort Keith Jarrett auf. Das Foto, das der Fotograf Wolfgang Frankenstein dabei schoss, gefiel Jarrett so gut, dass er es aufs Cover einer seiner Platten setzen ließ.

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