Berlin : Stopp bei Straßenbahnbau überrascht BVG

Schon Millionen in Vorzeigelinie zum Roten Rathaus investiert / Fahrgastverband: Verschleudertes Geld

Klaus Kurpjuweit

Vom Stopp des Weiterbaus der Straßenbahn von der Mollstraße über die Karl-Liebknecht-Straße zum Alexanderplatz und weiter bis zum Roten Rathaus ist auch die BVG überrascht worden. Auf der neuen Strecke sollten die Linien 1 (Heinersdorf – Am Kupfergraben) und 53 (Rosenthal – Hackescher Markt) fahren. Dieses Jahr wollte die BVG zum „Jahr der Linie 1“ küren, die nach umfangreichen Umbauten eine Vorzeigestrecke werden sollte - mit einer direkten Verbindung zum Umsteigeknoten Alexanderplatz. Doch nun hat Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) den Neubauabschnitt zum Alex gekippt.

Er will auf den Bau der neuen Gleise von der Mollstraße über die Karl-Liebknecht-Straße zum Alexanderplatz auf unabsehbare Zeit verzichten, obwohl nach Tagesspiegel-Informationen bereits über 4 Millionen Euro vor allem für das Verlegen von Leitungen unter der vorgesehenen Trasse verbuddelt worden sind. Im Sommer sollte die gesamte Kreuzungsanlage am so genannten Prenzlauer Tor umgebaut werden, um die Gleise zur künftigen Trasse in der Karl-Liebknecht-Straße anschließen zu können. Nun müssen die Bahnen hier weiter am Alexanderplatz vorbei fahren.

Mit 20 000 Fahrgästen pro Tag hatte die BVG auf der neuen Verbindung zum Alexanderplatz gerechnet. Eine Straßenbahn gilt nach Angaben des Karlsruher Straßenbahnexperten Dieter Ludwig bereits mit 5000 Fahrgästen pro Tag als wirtschaftlich, weil dann viele Busse eingespart werden können.

Das jetzt in den Sand gesetzte Geld für Planungen und Vorleistungen sei „verschleudertes Steuergeld“, kritisierte gestern Christfried Tschepe vom Fahrgastverband IGEB. Strieders Argument, zurückgehende Bevölkerungszahlen machten Investititionen in neue Verkehrsanlagen zweifelhaft, bezeichnete er als falsch. Die Prognosen, auch aus Strieders Verwaltung, sagten für die kommenden Jahre noch Zuwächse bei den Fahrgastzahlen im Nahverkehr voraus, so Tschepe. Zudem sei es einmal Ziel gewesen, weitere Autofahrer zum Umsteigen auf Bahnen und Busse zu bewegen.

Der BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) sieht es ähnlich. Den Ausbau der Straßenbahn ersatzlos zu streichen, werde mittel- und langfristig viel Geld kosten. Attraktive Angebote im Nahverkehr müssten der Maßstab sein, da nur so Fahrgäste zu halten seien oder hinzugewonnen werden könnten. Völlig unklar sei, wie Strieder Stadtentwicklung betreiben wolle, wenn er mittel- und langfristige Planungen kurzer Hand über Bord werfe.

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