Berlin : Strandbäder: Eingeölt und sonnenklar

Tanja Buntrock

Das Chrom der Motorräder, die sich gestern zu Hunderten an der "Spinnerbrücke" in der Spanischen Allee reihten, war so erhitzt von der Sonne, dass es als Herdplatte hätte dienen können. Auch wenn es 28 Grad waren - die Motorradfahrer blieben cool und streiften höchstens ihre dicken Lederjacken ab. Doch nicht weit entfernt blitzte dagegen nackte Haut im Sonnenlicht: Schon vier Tage vor der offiziellen Eröffnung am 5. Mai konnten sich Licht- und Wärmeentwöhnte im Strandbad Wannsee aalen. Auch am Müggelsee wurden vorzeitig die Strandlaken entrollt.

"Wegen des schönen Wetters haben wir früher aufgemacht", sagt Horst Schwabe, Leiter des Strandbades Wannsee. Er habe das bei den Bäderbetrieben regelrecht forciert, denn "sonst wären die Leute uns über den Zaun gesprungen". Obwohl das größte Binnenseebad Europas mit seiner insgesamt 355 000 Quadratmeter großen Fläche und seinem 800 Meter langen Strand eigentlich von 10 Uhr bis 19 Uhr geöffnet ist, ließ Schwabe die Besucher schon gegen 8.45 Uhr ein. "Da standen schon einige vor dem Eingang. Da wir die Kassen vorbereitet hatten, konnten die Leute früher rein", erzählt der 61-Jährige. Seine tief gebräunten Beine stecken in sportlichen Shorts: Erst kürzlich ist der Hobby-Marathonläufer von einem sechswöchigen Hawaii-Urlaub zurückgekehrt, da kann ihn die aufkommende Wärme in Berlin halbwegs zufrieden stimmen. Rund 4000 Besucher, schätzt Schwabe am späten Vormittag, geben sich der Sonne hin. "Alle 300 Strandkörbe waren gegen Mittag vermietet", fügt er hinzu.

Im Strandbad Müggelsee nehmen die rund 1000 Besucher noch auf Handtüchern und Bastmatten ihr Sonnenbad, da die Strandkörbe noch nicht bereitstanden, sagt Badleiter Henryk Hansch. "Wir sind sehr zufrieden mit der Besucherzahl, es wäre ja auch peinlich, wenn wir bei so einem Wetter nicht früher geöffnet hätten." Ausnahmsweise brauchen die Besucher am Premierentag in beiden Strandbädern nur vier Mark Eintritt zu zahlen. Ab heute kostet der Besuch in den Strandbädern sechs und ermäßigt vier Mark.

Über die Kulanz der Bäder freuen sich auch die vier Mittzwanziger Tomislav Svirac, Frank Smialowski und Andrea und Mirela Roginic aus Neukölln. "Wir sind sofort nach Wannsee gefahren, als klar war, wie warm es wird." Vor allem Strand und Wasser ist ihnen wichtig, denn "in Neukölln haben wir ja sowas nicht". Wenn sie sich nicht gerade auf der riesigen Luftmatratze im Sand fläzen, spielen sie Karten, Feder- oder Fußball: Ihre Sporttasche ist prall gefüllt mit "Spielzeug". Ob Frank sich noch ins elf Grad kalte Wasser traut, weiß er noch nicht: "Ich trinke noch zwei Bier, dann entscheide ich."

Ein paar Meter weiter kichern Luise von Stieglitz und Josefina Brückner, elf und zwölf Jahra alt, unter einer der beiden Strandbad-Palmen. "Wir sind mit meinen Eltern hier", sagt Luise, "aber weil wir für uns sein wollten, haben wir uns hierhin verzogen." Gemeinsam schmökern sie in einem Teenie-Magazin und genießen die Sonne. Das Wasser ist beiden noch zu kalt. "Nee, da habe ich meinen Fuß reingehalten, das reicht", sagt Josefina und kichert.

Um "die Lage zu checken und zum Sonnen" sind Elias Bublis und Ilhan Catak, 36 und 33 Jahre alt, ins Strandbad gekommen. Elias ist Sportlehrer und Animateur, zusammen mit seinem Kompagnon Ilhan hat er im letzten Jahr die "Euro-Bungee"-Anlage auf dem Gelände des Strandbades betrieben. Diese "Funsportanlage" besteht aus vier Trampolinen. Angeschnallt an Gummiseilen können die Leute dort hopsen und schweben. "Da haben 3- bis zu 70-Jährige für 10 Mark pro Sprung mitgemacht", erklärt Bublis. Nun verhandeln sie mit den Bäderbetrieben, ob sie die Anlage Mitte Mai wieder aufbauen dürfen. "Natürlich spielt das Wetter auch eine Rolle. Wir sind sehr abhängig davon", beteuert Bublis. Badleiter Schwabe findet, dass die Bungee-Anlage "eine tolle Sache" war. "Ich hing selbst an dem Ding." Danach dreht er seine Runde und schaut auf Tausende zufriedene, ölig-glänzende Sonnenanbeter. Doch 4000 Besucher "sind noch gar nichts". In den 50er und 60er Jahren hätten sich hier zwischen 30 000 und 40 000 Menschen gedrängelt. "Da gab es noch nicht so viele Stadtbäder."

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