Berlin : Straße auf – Straße zu – Straße auf – Straße zu

Über die Dauerbaustellen in der Stadt ärgern sich vor allem die Anwohner. Mangelnde Koordination ist nur ein Grund für die ewige Buddelei

Rainer W. During

Anwohner schütteln nur noch mit dem Kopf: Bereits zum dritten Man in diesem Jahr haben Arbeiter die Kreuzung Anklamer-/Ecke Fehrbelliner Straße in Mitte aufgerissen. Auch in den Vorjahren wurde hier immer wieder gebuddelt. Während alle Verantwortlichen beteuern, dass die Berliner Baustellen koordiniert werden, regiert aus Sicht vieler Bürger eher das blanke Chaos. Recht haben wohl beide Seiten.

Und schuld sind oft viele Beteiligte. Den typisch leidigen Fall schildert Harald Büttner, Chef des Straßen- und Grünflächenamtes in Mitte, so: In einer gerade instandgesetzten Straße muss ein defektes Gasrohr repariert werden. Kaum ist das Loch wieder geschlossen, zieht ein IT-Unternehmen in das angrenzende Haus ein und benötigt neue Glasfaserkabel der Telekom. Ist diese abgerückt, findet sich ein Investor für das dahinter liegende Brachgelände. Weil dessen Wasserversorgung unzureichend ist, wird die Straße zum vierten Mal aufgerissen. Solche Fälle hat Büttner allein in Mitte in den letzten fünf bis sechs Jahren „30 bis 40 Mal“ erlebt. Wird eine Straße erneuert, informieren die jeweiligen Tiefbauämter die einzelnen „Leitungsträger“: Gasag und Telekom, Wasserbetriebe, den Stromnetzbetreiber Vattenfall, die für das Gasag-Rohrsystem zuständige Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg … Sie können dann den eigenen Bedarf prüfen und notwendige Erdarbeiten einplanen. Das hat beispielsweise in der Straße des 17. Juni hervorragend geklappt, sagt Klaus-Dieter Gröhler (CDU), Baustadtrat von Charlottenburg-Wilmersdorf.

Auch wenn ein Betreiber neue Rohre oder Leitungen verlegt, muss er sich mit den anderen abstimmen. Obendrein prüft die Verkehrslenkung der Senatsverwaltung, ob bereits Baustellen auf Parallelstraßen bestehen. Wer solche Chancen nicht nutzt, muss im Normalfall Jahre auf eine neue Chance warten. Doch längst sind Ausnahmen die Regel. „Das Problem ist die etwas marode Infrastruktur“, sagt Büttner. Die Leitungsnetze sind überaltert und störungsanfällig.

Im Notfall kann die Genehmigung zur Reparatur nicht verwehrt werden. So wurde der gerade fertiggestellte Breitscheidplatz wieder aufgerissen, weil ein Fernwärmerohr defekt war, das unter anderem den Zoologischen Garten versorgt. „Ich kann Knut doch nicht erfrieren lassen“, sagt Stadtrat Gröhler. Am gerade neu gebauten Saatwinkler Damm rammten Wasserbauer eine Spundwand des Hohenzollernkanals durch ein Rohr, das unter anderem den Flughafen Tegel mit Wasser versorgt. Als Folge ging auch ein Schieber kaputt, Erdarbeiten waren unerlässlich.

Auch wirtschaftliche Gesichtspunkte verbieten oft eine Ablehnung. So stimmte Gröhler Arbeiten am Rüdesheimer Platz zu, weil sich ein Großabnehmer für die umweltfreundlichere Fernwärme interessierte. Auch Pfusch kann zu Immer-wieder-Baustellen führen. So musste der Kaiserdamm erneut aufgerissen werden, weil sich die gerade fertiggestellte Abdichtung des U-Bahnschachtes als undicht erwies, so der Stadtrat.

Der marode Zustand der Berliner Rohre und Leitungen wird in den kommenden Jahren voraussichtlich eine weitere Zunahme der Baustellen mit sich bringen. Die Wasserbetriebe haben schon angekündigt, jetzt schwerpunktmäßig alte Netzteile instandsetzen zu wollen. Unternehmenssprecher Stephan Natz spricht von erheblichen Investitionen. Da die Sanierung nicht ohne Erdarbeiten auskommt, wird sich allein die Zahl der Baustellen der Wasserbetriebe auf den Berliner Straßen in den nächsten Jahren verdoppeln.

Als Folge der vielschichtigen Buddelei könnte sich auch der Zustand der Berliner Straßen, die angesichts leerer Stadtkassen meist ohnehin nur noch geflickt werden, weiter verschlechtern. In der Vergangenheit waren die Tiefbauämter für die Wiederherstellung der Fahrbahnen verantwortlich. Nach dem neuen Straßengesetz vom vergangenen Jahr können die Unternehmen diese Aufträge jetzt selbst vergeben. Das könnte die Steuerzahler aber teuer zu stehen kommen, warnen Experten wie Büttner. Zu befürchten sei, dass nur noch die billigsten Anbieter gewählt werden. Wenn dann die Straßendecke nach kurzer Zeit wieder aufbricht, obliegt den Bezirken die Pflicht, eventuelle Baumängel nachträglich zu beweisen. Sonst bleibt man auf den Kosten sitzen. Rainer W. During

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