Straße des 17. Juni : Grüne wollen Autos aus dem Tiergarten verbannen

An Silvester ist die Straße des 17. Juni gesperrt – wieder mal. Umweltschützer und Grüne möchten das Endstück der Straße am liebsten jedes Wochenende sperren. Der Senat ist dagegen.

Christoph Stollowsky

Feiern ohne Ende – das gehört auf der Straße des 17. Juni zwischen Sowjetischem Ehrenmal und Brandenburger Tor schon fast zum Alltag. Hier wird die Fahrbahn auf 500 Metern Länge so häufig für Festlichkeiten gesperrt, dass sich viele Autofahrer längst nicht mehr wundern, wenn sie vor rot-weißen Gittern stehen. Die nächste Vollsperrung steht auch schon wieder an: An diesem Dienstag werden die Details zur „Silvester 2010“- Party bekannt gegeben, die vom 30. Dezember bis zum 1. Januar gefeiert wird. Sperrung der Straße des 17. Juni? Längst Routine für Autofahrer.

Der Bezirk Mitte trägt dem Rummel Rechnung. Wie berichtet, lässt er zwischen Sowjetischem Ehrenmal und Brandenburger Tor die Gehwege verbreitern und feste Elektro- und Wasseranschlüsse für Standbetreiber legen. Um die letzte Konsequenz auf der Feiermeile gibt es aber heftigen Streit: Umweltschützer und Grüne möchten das Endstück der Straße des 17. Juni oder sogar den gesamten Bereich zwischen Tor und Siegessäule zumindest an Wochenenden generell für den Verkehr sperren. Ein Spiel-, Fest- und Skaterparadies schwebt ihnen vor. Die Verkehrsverwaltung ist strikt dagegen: „Das gibt ein Verkehrschaos.“

Ob Fußballparty, Amerikafest, Einheitssause, Umweltfest oder Christopher Street Day – alljährlich finden entlang der kurzen Strecke zwischen Tor und Ehrenmal oder auf der 1,7 Kilometer langen Meile bis zur Siegessäule mehr als ein Dutzend Großveranstaltungen statt sowie zahlreiche kleinere Events. Zur Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika soll es hier erneut eine Fanmeile geben.

Die Umfahrung dürfte von Dienstag an etwas erleichtert werden, weil dann die Französische Straße zwischen Wilhelm- und Mauerstraße fertig ausgebaut ist und als neue Ost-West-Achse eröffnet wird. Auch dadurch sehen jene ihre Position gestärkt, die auf der Straße des 17. Juni keine Autos mehr haben wollen. 2002 war das Brandenburger Tor geschlossen worden – und das große Chaos blieb aus.

„Geschlossen, geöffnet, wieder geschlossen – dieses ständige Hin und Her ist ein irrer Aufwand, den man sich sparen kann“, sagt die verkehrspolitische Sprecherin der Grünen im Abgeordnetenhaus, Claudia Hämmerling. Sie plädiert für eine dauerhafte Sperrung bis zum großen Stern – „auf jeden Fall an allen Wochenenden, wenn der Verkehr ohnehin geringer ist“. Sie kann sich dies aber auch werktags „gut vorstellen“. Die Umleitungen über die parallel verlaufende John-Foster-Dulles-Allee und die Tiergartenstraße hält Hämmerling für ausreichend. „Die Berliner haben gut gelernt, damit umzugehen.“ Das zeige sich bei jedem Fest aufs Neue. Selbst während der mehrwöchigen Sperrung zur Fußball-WM 2006 sei Berlin wegen der Fanmeile keineswegs im Verkehrschaos versunken. Außerdem werde der motorisierte Verkehr künftig ohnehin abnehmen, sagt die Grüne. Dabei verweist sie auf Prognosen, nach denen sich das Verkehrsaufkommen bis 2025 in Berlin um mindestens 15 Prozent verringern wird.

Auch der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) macht sich für eine autofreie Straße des 17. Juni zwischen Tor und Siegessäule stark. „Der wichtigste Park von Berlin wird von einer mehrspurigen Straße zerteilt mit der Folge, dass es fast nirgendwo eine wirklich ruhige, erholsame Stelle gibt“, sagt BUND-Sprecher Martin Schlegel. Zumindest in den Sommermonaten zwischen Ostern und Oktober sollte man Kraftfahrzeuge aussperren. Dadurch wollen Umweltschützer und Grüne allerdings nicht nur Ruhe in den Tiergarten bringen, sondern „fantasievolles Leben wie im New Yorker Central Park“. Statt Autos sollen auf dem Asphalt dann all jene freie Bahn haben, die sich auf verschiedenste Art und Weise vergnügen oder ihre Künste vorführen wollen: Skater, Akrobaten, Musiker, Tänzer. „So ein unkonventioneller Ort wird in jedem Reiseführer stehen und Berlin noch anziehender machen.“

In der rot-roten Koalition ist diese Zukunftsvision umstritten. Jutta Matuschek von der Linken hält nichts von einer generellen Sperrung. An den Wochenenden seien gelegentliche Umleitungen noch zu verkraften, werktags im Berufsverkehr drohe aber „an diesem wichtigen Ost-West-Nadelöhr“ der Verkehrskollaps. Der verkehrspolitische Sprecher der SPD, Christian Gaebler, wäre hingegen kompromissbereit. Zumindest Sperrungen an allen Sonnabenden und Sonntagen kann er sich besonders im Sommer „gut vorstellen“.

Die Senatsverkehrsverwaltung ist dagegen kompromisslos. Generelle Sperrungen habe man schon immer abgelehnt, sagt Sprecherin Petra Roland. Für eine Spielwiese sei die Straße zu wichtig.

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