Berlin : Straßenkampf um Rudi Dutschke

PDS und Grüne wollen die Kochstraße umbenennen. Im Januar soll über den Antrag entschieden werden

Thomas Loy,Lars von Törne

Der 25. Todestag Rudi Dutschkes am 24. Dezember wird verstreichen, ohne dass klar ist, ob die Kreuzberger Kochstraße nach dem legendären Studentenführer benannt werden wird. Die Bezirksverordnetenversammlung von Kreuzberg-Friedrichshain beschloss am Mittwochabend auf Wunsch der CDU, einen Antrag der PDS auf Umbenennung der Straße Ende Januar erneut zu diskutieren. Erst dann soll über die Initiative abgestimmt werden. Das sagte BVV-Büroleiter Ruppert Pleyer nach der Sitzung.

Im Verlauf des Abends hatte sich eine Annäherung zwischen der PDS – mit 17 Sitzen die stärkste Fraktion – und den Grünen abgezeichnet, berichtet der BVV-Vertreter. Damit rückt eine Mehrheit für den Antrag in greifbare Nähe. Vor der Sitzung hatten sich die Grünen noch gegen den PDS-Vorstoß gestellt. Sie fühlen sich übergangen. „Das ist ein Schnellschuss. Dutschke hat was Besseres verdient“, sagte Fraktionschefin Bernadette Kern. Dass sich die PDS eines Vordenkers und Mitgründers der grünen Partei bemächtigt und mit der links-alternativen „taz“ kooperiert, deren Verlagshaus in der Kochstraße nach Dutschke benannt ist und die mit der Idee an die Öffentlichkeit gegangen war, verletzt das grüne Selbstverständnis. PDS-Fraktionschef Knut Mildner-Spindler sieht dagegen keine grünen Vorrechte tangiert. „Wir fanden den taz-Vorschlag sympathisch und wollten den Antrag gemeinsam einbringen, aber dazu waren die anderen nicht bereit.“

Es gibt noch ein Hindernis auf dem Weg zur Rudi-Dutschke-Straße: Wie in anderen Bezirken auch, hat man sich in Friedrichshain-Kreuzberg die Selbstverpflichtung auferlegt, nur noch weibliche Straßennamen zu vergeben, um das Missverhältnis der Geschlechter abzubauen. Dass es schon einen „Rudi-Dutschke- Weg“ in Dahlem gibt, ist kein Hindernis, erklärt Manuela Damianakis von der Stadtentwicklungsverwaltung. Doppelbenennungen lägen nur dann vor, wenn zwei Straßen denselben Namen trügen.

SPD und Grüne wollen weitere Fragen zunächst in den BVV-Ausschüssen klären lassen. „Wir sind grundsätzlich für Rudi Dutschke in Kreuzberg", sagt Andy Hehmke von der SPD-Fraktion. Es müsse aber nicht zwingend die Kochstraße sein. Das würde nämlich bedeuten, dass der U-Bahnhof Kochstraße auch umbenannt werden müsste. Das kann laut BVG sechsstellige Summen kosten. Genehmigen muss das die Senatsverwaltung für Verkehr. Senatorin Ingeborg Junge-Reyer ist nicht begeistert von der Idee, weil sie befürchte, mit einer Kreuzung Axel-Springer-/ Rudi-Dutschke-Straße könnten die alten Konfrontationen assoziiert werden, so ihre Sprecherin Damianakis.

Ganz so falsch liegt sie damit nicht. Frank Henkel, Parlamentarischer Geschäftsführer der CDU im Abgeordnetenhaus, findet den Umbenennungs-Vorschlag „indiskutabel“. Dutschke habe zur „Radikalisierung der Studentenschaft beigetragen und das parlamentarische System der Bundesrepublik abgelehnt.“

An Dutschkes Todestag, dem 24. 12., liest Schauspieler Helmut Krauss um 14 Uhr am Ort des Attentats auf Dutschke, Ku’damm 141 (Ecke Joachim-Friedrich- Straße) Texte von und über Dutschke.

7. März 1940: Rudi Dutschke wird in Schönfeld bei Luckenwalde geboren.

1957 spricht er sich bei einer Abiturfeier gegen den Kriegsdienst aus, darf daraufhin nicht in der DDR studieren.

1960: Studium der Soziologie an der West-Berliner Freien Universität.

1965-1968: Anführer der studentischen Protestbewegung

11. April 1968: Der Arbeitslose Josef Bachmann schießt am Ku’damm auf Dutschke. 24. Dezember 1979: Dutschke ertrinkt in der Badewanne nach einem epileptischen Anfall – eine Spätfolge des Attentats.

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