Straßenverkehr in Berlin und Köln : Raserstadt Berlin? Mal ganz langsam!

Unfallforscher haben das Tempo Berliner Autofahrer gemessen und mit Köln verglichen. Das Ergebnis überrascht die Experten.

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Die Polizei ist in diesen Tagen wieder vermehrt im Einsatz.
Die Polizei ist in diesen Tagen wieder vermehrt im Einsatz.Foto: dpa

Wie sich Autofahrer im Straßenverkehr benehmen, interessiert nicht nur die Polizei, sondern auch die Wissenschaft. Im vergangenen Jahr hat die Unfallforschung der Versicherer (UDV) das Ergebnis einer wochenlangen, weitgehend unbemerkten stadtweiten Tempokontrolle präsentiert. Bei den fast 600 000 Einzelmessungen kam heraus, dass die übergroße Mehrheit der Berliner Autofahrer auch bei freier Strecke recht vernünftig fährt.

Das ist nicht selbstverständlich, wie die jetzt ausgewertete Wiederholung des Experiments in Köln mit knapp 400 000 Messungen zeigt: Dort wird weitaus schlimmer gerast als in Berlin.

Nachts wird schneller gefahren

UDV-Leiter Siegfried Brockmann bezeichnet die Moral der Kölner Autofahrer als „erschreckend“ und belegt diese Einschätzung mit Zahlen: Zwölf Prozent der Kölner Autofahrer fuhren auf Tempo-50-Strecken schneller als 55 Stundenkilometer (5 km/h Toleranz sind dabei schon abgezogen). In Berlin waren es vier Prozent. Die Quote der skrupellosen Raser, die mehr als Tempo 70 fuhren, war mit 1,2 Prozent in Köln sogar sechs Mal so hoch wie in Berlin.

In Tempo-30-Zonen ähnelt sich die Verkehrsmoral beider Städte: Hier wie da fährt etwa jeder Vierte schneller als Tempo 35. Bei Tempo 30 im Hauptstraßennetz schneidet Berlin wiederum deutlich besser ab als Köln. Das gilt auch für Tempo-10-Zonen und Verkehrsberuhigte Bereiche („Spielstraßen“). Wobei die Tempolimits bei diesen beiden Straßenarten hier wie da nur von einer Minderheit der Autofahrer eingehalten werden. Und nachts, wenn die Autos seltener im Pulk rollen, wird in beiden Städten schneller gefahren als tagsüber.

Steigerung der Bußgelder

Aus Sicht von Brockmann hält bei dichtem Verkehr die Mehrheit der Vernünftigen die Raser in Schach – und schützt damit die anderen Verkehrsteilnehmer vor ihnen. Während er in Berlin vorab eher mit unerfreulicheren Ergebnissen gerechnet hatte, ist Brockmann von der Verkehrsmoral in Köln entsetzt.

Als Abhilfe empfiehlt er steten Kontrolldruck in Kombination mit „exponenzieller Steigerung der Bußgelder“. Und er gibt zu bedenken: Selbst wer das Tempolimit einhält, kann für viele Situationen durchaus zu schnell unterwegs sein. „Nicht angepasste Geschwindigkeit“ ist in Berlin seit Jahren die dritthäufigste Unfallursache.

Blitzer-Hinweise in Köln

Die Berliner Polizei hat ihren Service für Schnellfahrer schon 2007 abgeschafft: Weil Radiosender sich darin überboten, die allgemein gehaltenen täglichen Blitzer-Hinweise der Polizei mit Angaben zu genauem Standort und Fahrzeugtyp zu präzisieren, gab die Polizei die Informationen nicht mehr heraus.

Seitdem müssen sich die Radiosender mit Meldungen ihrer Hörer begnügen. Wer dagegen in Köln die Tempolimits missachten will, kann sich schon vorab informieren: Polizei und Stadt veröffentlichen für die jeweilige Folgewoche eine Liste mit täglich zehn Orten, an denen geblitzt werden soll.



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