Berlin : Strategien gegen den Dreck von oben

Die SPD prüft, das Füttern von Tauben zu verbieten. Ein Pro und Contra

Klaus Kurpjuweit

Die einen lieben sie – die anderen hassen sie: Tauben. Rund 50 000 leben nach den neuesten Zählungen von Ornithologen in der Stadt. Das sind erheblich weniger Tiere als noch vor einigen Jahren. Damit es nicht wieder mehr werden, prüft die SPD jetzt, ob das Füttern der Tiere untersagt werden und bei einem Verstoß ein Bußgeld verhängt werden kann. In Hamm hat das Oberlandesgericht kürzlich das Urteil eines Amtsgerichts bestätigt, wonach wegen unerlaubter Taubenfütterung eine Geldbuße in Höhe von 20 Euro verhängt werden darf.

Die SPD werde ein solches Vorgehen „ernsthaft prüfen“, sagte der umweltpolitische Sprecher der Partei, Daniel Buchholz, ein überzeugter Tierschützer. Vorher müsse aber zum Beispiel festgestellt werden, ob die tatsächliche Zahl der Tauben ein Fütterungsverbot rechtfertige. Ein Verbot könne immer nur das letzte Mittel sein.

Ein Fütterungsverbot verstoße weder gegen die im Grundgesetz verankerte Staatszielbestimmung des Tierschutzes noch gegen Grundrechte, urteilten die Richter in Hamm. In großen Scharen auftretende Tauben könnten nicht nur Schäden an Gebäuden verursachen, sondern „durch Verunreinigungen auch zur persönlichen Beeinträchtigung von Menschen führen“ (Az.: 2Ss OWi836/06).

Jede Taube produziert jährlich immerhin fünf bis sechs Pfund Kot. Allein die BVG gibt pro Jahr rund 80 000 Euro aus, um Bahnhöfe und Anlagen von den Hinterlassenschaften der Tiere zu säubern oder um ihnen den Aufenthalt ungemütlich zu machen – durch feinmaschige Netze oder spitze Dornen, die auf Uhren, Anzeigern, Trägern oder Simsen angebracht werden.

Oft nutzt dieser Schutz aber nicht viel, wie etwa auf dem S-Bahnhof Schöneberg zu sehen ist. Dort sind große Bereiche des Bahnsteigs voll mit Taubenkot. Wer hier auf einen Zug wartet, muss immer darauf achten, dass man nicht unter Tauben steht. Nicht viel besser sieht es oft auch auf anderen Bahnhöfen aus. Selbst an frisch renovierten Stationen wie Bellevue tummeln sich die Tauben.

Weil sich in der Vergangenheit Tauben oft in Netzen verfangen hatten, was zu Protesten von Tierschützern führte, ließ die Bahn jetzt zwischen den Bahnhöfen Charlottenburg und Zoo massive Gitter unter den Brücken anbringen, durch die kein Weg für die Tauben führt. 25.000 Euro habe sich die Bahn das pro Brücke kosten lassen, sagte Bahnsprecher Burkhard Ahlert. Voll geschützt vom „Segen“ von oben sind die Passanten aber auch dort nicht, denn das Schutzgitter ist nur unter den S-Bahn-Gleisen vorhanden. Auf den benachbarten Brücken der Fernbahn können die Tauben weiter sitzen. Ein Schutz vor den Vögeln sei bei der Grundinstandsetzung dieses Abschnittes nur für die S-Bahn vereinbart worden, sagte Ahlert.

Dass ein Fütterungsverbot ein probates Mittel gegen die Taubenpopulation sein kann, hat London gezeigt. Dort gilt das Verbot sogar für den Trafalgar Square, zu dem die Tauben ebenso gehören wie die Statue von Admiral Nelson. Seit 2001 hat sich dadurch die Zahl der Tiere von mehr als 4000 auf etwa 1500 verringert. Sie seien nicht verhungert, sondern hätten nur weniger Nachwuchs bekommen, heißt es.

Auf Verhütung bei den Tauben setzt die Tierschutzexpertin der Grünen, Claudia Hämmerling. Statt ein Fütterungsverbot zu erlassen, sollte ein „vermehrungshemmendes Mittel“ ins Futter gegeben werden, sagte sie. Ein Verbot sei nicht zu kontrollieren. Vogelexperten wie Jens Scharon von der Ornithologischen Arbeitsgemeinschaft Berlin halten die Aufregung über die Tauben für „etwas übertrieben, angesichts des reduzierten Bestandes“. Ihre besten Tage hatten die Vögel in der Nachkriegszeit. Damals vermehrten sie sich kräftig in den Ruinen. Einen weiteren Schub brachte der wachsende Wohlstand. Von dem fielen auch viele Bröckchen für die Vögel ab. Seit der Wende ging der Bestand aber kontinuierlich zurück – durch Altbausanierungen und Bekämpfungsaktionen. „Tauben“, sagt Scharon, „sind heute nur noch ein punktuelles Problem“.

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