• Strategievorstoß der Sozialdemokraten: Berlins SPD und die Lebenslügen der Hauptstadt

Strategievorstoß der Sozialdemokraten : Berlins SPD und die Lebenslügen der Hauptstadt

Drei Männer sitzen am Tisch: Einer ist schon Regierender Bürgermeister, zwei wollen es werden. Eine Idee aber, um die Lebenslügen Berlins zu überwinden, haben sie alle drei nicht. Kolumnist Bernd Matthies über den Aufbruchsversuch des SPD-Triumvirats.

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Klaus Wowereit, Jan Stöß und Raed Saleh.
Klaus Wowereit, Jan Stöß und Raed Saleh.Foto: dpa

Drei Männer sitzen am Tisch. Einer, der mit der mittelblauen Krawatte, ist schon Regierender Bürgermeister, die beiden an seiner Seite mit den rot quergestreiften Krawatten wollen es werden. Mehr Aufbruch war nie in der SPD, denn die drei stellen ein Papier vor, das nur von ihnen stammt. Kein Flügel konnte reinreden, kein Koalitionspartner querschießen – eine fabelhafte Sache, um mal ein paar Takte dazu zu sagen, wo Berlin denn mal hin soll, falls die Konjunktur knickt und die Touristen herausfinden, dass es auch noch andere Städte gibt.

Doch das ist den dreien zu schwer. Geht doch bergauf, sagen sie, und wenn auch die Zahlen überwiegend mies sind im nationalen Vergleich, so liegen wir doch immerhin mit den Zuwachsraten super im Rennen, nicht wahr? Ihr Berlin der Zukunft ist das Berlin der Gegenwart, nur irgendwie preisgünstiger und mit weniger Unterrichtsausfall. Wowereit, Stöß und Saleh treten vor die Presse wie die Stadtarchitekten, die sie gern sein möchten – doch in Wahrheit agieren sie wie Rettungssanitäter, die sich zwar nicht auf das richtige Krankenhaus einigen können, aber schon mal langsam losfahren. Ohne Sirene, damit keiner aufschreckt.

Dahinter, das scheint auch die jüngere Generation von Sozialdemokraten nicht zu erkennen, steckt die Lebenslüge einer Hauptstadt, die zwar aus eigener Kraft nicht leben kann, aber die Touristen- und Zuwandererzahlen als Zeichen ihrer ungebrochenen Attraktivität liest. Die Kreativen überrollen uns doch!

Doch hinter der saisonal rhythmisch aufgepumpten Modeszene und in den Übungskellern der ewig unbekannten Bands verstecken sich viele Menschen, die geblieben sind, weil sie hier für drei Euro den ganzen Tag frühstücken können, auch wenn es mit dem Teilzeitjob bei Zalando nicht klappt – irgendwie kreativ allemal. Die Berliner Selbstzufriedenheit lässt Selbstkritik nicht zu, und wenn doch, dann findet sie nur zu folgenlosen Ja-aber-Kurzschlüssen: Paris, London und New York sind vitaler und attraktiver, na gut, aber haben Sie sich mal die Mieten da angesehen? Ja, dann ... Die drei von der Regierstelle haben nur aufgeschrieben, was die Kontinuität im Stillstand sicherstellt. Ganz egal, wer von ihnen grad Regierender ist.

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