• Street Art an der East Side Gallery in Berlin: Telekom bedient sich ohne Erlaubnis bei Jim Avignon

Street Art an der East Side Gallery in Berlin : Telekom bedient sich ohne Erlaubnis bei Jim Avignon

Gegen die Wand: Das prominente Bild von Jim Avignon an der East Side Gallery tauchte in einer Telekom-Werbung auf – ohne Zustimmung des Künstlers. Das provozierte Ärger.

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Grand Daddy der Street-Art-Scene: Jim Avignon hat kürzlich and er East Side Gallery eine frühere, kurz nach der Wende entstandene Version seines Bildes gemeinsam mit 20 Helfern übermalt und dabei aktualisiert.
Grand Daddy der Street-Art-Scene: Jim Avignon hat kürzlich and er East Side Gallery eine frühere, kurz nach der Wende entstandene...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Es ist ein anrührender Werbe-Spot: Ein Mann zieht ein rosa Rüschenkleid an und hüpft damit an öffentlichen Orten vor der Kamera herum, um seine krebskranke Frau aufzuheitern. Die Bilder gingen um die Welt und dürften auch in Deutschland viele Menschen bewegt haben – vor allem dank der Werbekampagne der Telekom, die in ihrem Spot „Die Kraft des Teilens“ das Projekt des US-Amerikaners Bob Carey für seine Frau Linda vorstellte und damit ganz nebenbei für ihre Internetdienste warb.

Der Berliner Künstler Jim Avignon, der sich international als Pop-Art-Maler und auch als Musiker einen Namen gemacht hat, war von der Telekom-Kampagne allerdings gar nicht begeistert, als er den Spot Ende vergangenen Jahres im Fernsehen entdeckte. Denn ein von ihm geschaffenes Wandgemälde, das seit vergangenem Herbst die East Side Gallery ziert, nimmt in dem Spot und noch mehr in einem zweiten Telekom-Clip einen beachtlichen Raum ein. Mehrere Sekunden lang ist Avignons Kunst bildschirmfüllend zu sehen – ohne dass der Künstler von der mehrere Millionen Euro teuren Kampagne wusste oder die Verwendung seines Bildes honoriert wurde. Und das, obwohl Avignons dynamisch-bunter Stil sofort zu erkennen ist und die Ästhetik vor allem des zweiten Clips prägt.

„Ein schlechtes Signal an die ganze Szene.“

Auf Facebook äußerte Avignon – der am Sonnabend beim Tag der offenen Tür des Tagesspiegels mit Lesern eine Wand bemalt (siehe unten) – seinen Unmut. Viele seiner Freunde gaben ihm dort praktische Tipps, wie er gegen den Konzern vorgehen könne. Auch auf Twitter und anderen Internet-Kanälen folgten Diskussionen, und es gab viel Zuspruch für den Künstler, der sich um die Früchte seiner Arbeit geprellt fühlt.

Nach einigen Recherchen fand Avignon heraus, dass der Verein Künstlerinitiative East Side Gallery die Genehmigung für die Werbeaufnahmen gegeben hatte, im Gegenzug für eine Spende von 500 Euro. Dabei habe der Verein gar nicht das Recht an dem Bild, sagt Avignon, sondern nur an einem früheren Bild Avignons an der East Side Gallery. Dieses denkmalgeschützte Werk hatte der Künstler aber im vergangenen Herbst übermalt, was damals nicht nur unter Kollegen kontroverse Diskussionen ausgelöst hatte. Für das nun von der Telekom benutzte neue Mauerbild, das Avignon mit 20 Helfern geschaffen hat, verfüge die Künstlerinitiative daher über gar keine Rechte – und konnte der Telekom daher auch keine Genehmigung geben.

Der Pop-Art-Künstler Jim Avignon
Der Berliner Pop-Art Künstler Jim Avignon bereist die Karibik und Mittelamerika. Über seine Erlebnisse vor Ort bloggt er exklusiv für Tagesspiegel.de - und präsentiert unseren Lesern seine neuesten Fotos und Bilder.Alle Bilder anzeigen
1 von 9Foto: Jim Avignon
28.02.2012 17:02Der Berliner Pop-Art Künstler Jim Avignon bereist die Karibik und Mittelamerika. Über seine Erlebnisse vor Ort bloggt er exklusiv...

Dazu kommt, dass Avignon, der in seinen Arbeiten immer wieder auch sozialkritische und politische Botschaften vermittelt, es schwer nachvollziehbar findet, „warum ein Riesenunternehmen wie die Telekom allen Ernstes glaubt, dass die Verwendung eines Artworks, das vier Sekunden bildschirmfüllend im Clip zu sehen ist, mit 500 Euro ausreichend bezahlt sei“.

Also wandte sich der Künstler erst an eine Agentur, die für den Spot verantwortlich ist, und dann an die Telekom selbst. Anfangs ging es ihm vor allem darum, dass sie sich auf ihrer Webseite entschuldigen und klarstellen, von wem die in dem Spot benutzte Kunst ist. „Ich bin so etwas wie der Grand Daddy der Street-Art-Szene“, sagt der 46-Jährige. „Wenn nicht mal ich mich dagegen wehre, dass meine Kunst ungefragt benutzt wird, dann gibt das ein schlechtes Signal an die ganze Szene.“ Bei der Telekom sah man das jedoch anfangs gar nicht ein. Er solle sich doch über die Gratis-Werbung für seine Kunst freuen, habe er zu hören bekommen, sagt Avignon.

Das ist „keine Zurückhaltetaktik“, sagt die Telekom

Der Künstler hielt gegen. Um deutlich zu machen, dass es ihm ums Prinzip gehe und nicht um die persönliche Bereicherung, erklärte er zudem, dass er im aktuellen Fall auf ein ihm eigentlich zustehendes Honorar verzichten und das Geld stattdessen spenden wolle. Nach längerem Hin und Her willigte der Konzern ein. Man einigte sich auf 10 000 Euro – eine Summe, wie sie in ähnlichen Fällen üblich sei, wie er aus der Zusammenarbeit mit anderen großen Konzernen weiß. Das Geld sollte aufgeteilt werden auf zwei Spenden in Höhe von je 5000 Euro an den Berliner Kältebus für Obdachlose und an den Yaam-Club, das Veranstaltungszentrum mit Jugendarbeit, zu dessen Gründungsmitgliedern Avignon gehört und für den er jüngst beim Karneval der Kulturen einen Wagen bemalte – während des laufenden Umzugs.

Bild des Anstoßes. Schon als das Gemälde an der East Side Gallery entstand, gab es Diskussionen.
Bild des Anstoßes. Schon als das Gemälde an der East Side Gallery entstand, gab es Diskussionen.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Im Februar einigten sich Telekom und Avignon auf eine öffentliche Formulierung, mit der dem Künstler die Zahlung als Anerkennung für die Nutzung seines Kunstwerks zugestanden wurde. Seitens der Telekom ist das allerdings eine „Goodwill-Aktion“, wie Konzernsprecher René Bresgen betont. Man sei vor dem Dreh des Spots den offiziellen Weg gegangen und habe sich alle nötigen Genehmigungen geholt, daher sei man sich keines Fehlers bewusst. Aber da Avignons Kunst prominent in dem Spot auftauche, wolle man dessen Bedeutung würdigen und zahle das Geld – dessen Höhe man offiziell allerdings nicht bestätigen will.

Die Einigung ist inzwischen vier Monate her. Gesehen haben das Geld aber weder die Betreiber des Kältebusses noch der Yaam-Club. „Bei Angelegenheiten, die ihr etwas wichtiger sind, braucht die Telekom bestimmt nicht vier Monate, bis sie mal in die Gänge kommt“, ärgert sich Avignon. Er empfindet das Agieren des Konzerns als Demonstration der Macht und Geringschätzung. Das sei „keine Zurückhaltetaktik“, entgegnet Telekom-Sprecher Bresgen. Es liege einfach daran, dass so eine Spende umständliche formale Wege in einem Konzern gehen müsse. In dieser Woche nun, so die Telekom, soll das Geld endlich bei den Empfängern eintreffen.

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