Streiks : Größte Arbeitgeber stehen vor Tarifkonflikten

In fünf Branchen sind in der nächsten Zeit Streiks wahrscheinlich. Der öffentliche Dienst ringt noch um den ausgehandelten Kompromiss.

von

Die nächsten Wochen und Monaten bedeuten harte Arbeit für die Gewerkschaften. Zunächst wird die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi harte Überzeugungsarbeit bei der Basis leisten müssen. Denn diese soll bis zum 5. März über den Tarifkompromiss abstimmen, den der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die Chefin der Großgewerkschaft, Susanne Stumpenhusen, für die rund 50 000 Beschäftigten im öffentlichen Dienst ausgehandelt haben. Aber auch in den anderen wichtigen Branchen der Stadt stehen Tarifrunden an. Davon betroffen sind acht der zehn größten Arbeitgeber Berlins mit 80 000 Beschäftigten, bei fünf sind Streiks wahrscheinlich.

Beim nach dem öffentlichen Dienst größten Arbeitgeber der Stadt, der Deutschen Bahn mit 18 300 Berliner Beschäftigten, wird ab Juli verhandelt. Zuletzt hatten die Lokführer S-Bahn und Fernzüge 2007 tageweise lahmgelegt. Fast 80 Prozent der Zugfahrer sind in der Lokführergewerkschaft GDL, zwei Drittel der Techniker und Schaffner wiederum in der DGB-Gewerkschaft Transnet. Beide Verbände fordern mehr Geld. Mit Warnstreiks ist zu rechnen.

Der zweitgrößte Arbeitgeber, der öffentliche Klinikkonzern Vivantes mit 13 000 Beschäftigten, ist für das Pflegepersonal von den bundesweiten Tarifverhandlungen für die Beschäftigten von Bund und Kommunen betroffen. Die Verhandlungen, bei denen die Gewerkschaften fünf Prozent gefordert hatten, sind zunächst gescheitert, jetzt läuft die Schlichtung. Ist diese erfolglos, droht Vollstreik. Damit wären auch bei Vivantes bald Ausstände möglich. Zudem muss sich Vivantes auf die Tarifrunde für die Ärzte einstellen. Die Medizinergewerkschaft Marburger Bund will mehr Geld für ihre Mitglieder. Derzeit wird auch im Sana-Klinikum Lichtenberg verhandelt, ab April außerdem im Helios-Klinikum Zehlendorf.

Während es in den Krankenhäusern bereits rumort, prüft die Berliner IG Metall erst mal die Stimmung unter den Schlossern und Mechanikern in den Werken des drittgrößten Arbeitgebers der Stadt: Bei Siemens sind 12 000 Menschen beschäftigt. Die Tarifrunde in der Branche läuft jetzt bundesweit an. In Berlin verhandelt die IG Metall auch für die rund 6000 Mitarbeiter beim Autobauer Daimler, dem neuntgrößten Arbeitgeber. Die Gewerkschaft will sich mit Lohnforderungen zurückhalten: „Sollten aber Stellen gestrichen werden, ist ab Mai mit Warnstreiks zu rechnen“, sagt ein Insider.

Beim viertgrößten Arbeitgeber BVG sind die Fronten zumindest mit einer der drei beteiligten Gewerkschaften verhärtet. Die Fahrergewerkschaft GDL streikte bereits kurz. Gefordert werden fünf Prozent mehr Lohn für Bus- und Bahnfahrer. Bei der BVG arbeiten fast 11 000 Berliner. Erst 2011 stehen Tarifrunden für Nummer fünf und sechs der größten Arbeitgeber, Charité und Kaiser’s, an.

Verdi steht aber jetzt schon beim Tarifstreit mit Nummer sieben am Scheidepunkt: 1000 der 6500 Telekom-Beschäftigten könnten bald in den Ausstand treten. Für die Kollegen der Telekom-Tochter T-Systems fordert die Gewerkschaft fünf Prozent mehr Lohn. Ein Mitarbeiter rechnet mit stundenweisen Arbeitsniederlegungen – wahrscheinlich schon in dieser Woche. Im Sommer muss auch ein Teil der Postler – ebenfalls 6500 Leute in Berlin – entscheiden, wie weit sie gehen wollen. Bei der Postbank wird für rund 1000 Schalterkollegen verhandelt.

Etwa 6000 Mitarbeiter beschäftigt der zehntgrößte Arbeitgeber der Hauptstadt, die Landesbank. Die Tarifgespräche beginnen offiziell erst in acht Wochen. Verdi-Experte Uwe Foullong präsentierte vorab keine konkrete Lohnforderung, eine „angemessene Erhöhung“ für die Mitarbeiter sei aber zwingend.

Doch nicht nur mit Unternehmen streiten die Gewerkschaften. Bei Verdi wollen die eigenen Angestellten – Sekretärinnen, Sachbearbeiter, Juristen – fünf Prozent mehr Geld. „Als hätten wir nicht schon genug zu tun“, sagt ein Tarifexperte. Immerhin betrifft der Streit im Verdi-Haus 800 Mitarbeiter.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben