Streit um alte Brauereien : Trockengelegt in Prenzlauer Berg

Freiräume und Interessenkonflikte: Die kreative Entwicklung verwaister Bierbrauereien läuft nicht ohne Ärger ab. Ein Brauereibesitzer kämpft erfolgreich gegen Neubauten, ein Club gegen seine Schließung.

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Die ehemalige Schneiderbrauerei liegt versteckt zwischen Greifswalder Straße und Am Friedrichshain. In einem Gebäudeteil befinden sich die Ufo-Tonstudios von Jens Reule. Er will die Brauerei zu einem Medienzentrum ausbauen und verhinderte mit einem Nachbarn einen Neubau davor.
Die ehemalige Schneiderbrauerei liegt versteckt zwischen Greifswalder Straße und Am Friedrichshain. In einem Gebäudeteil befinden...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Bier braut niemand mehr in den zahlreichen Brauereien Prenzlauer Bergs. Längst sind dort Clubs, Wohnungen, Werkstätten eingezogen. Neue Pläne gibt es auch für die Königstadtbrauerei – und Ärger gleich mit. Denn dafür muss ein Club schließen. Streit gibt es auch an der Schneiderbrauerei. Dort haben Anwohner einen geplanten Neubau auf einer verbliebenen Freifläche vor Gericht verhindert – vorerst, denn Bezirk und Bauherr wehren sich dagegen, der Fall ist seit Monaten vor Gericht.

Die Brauerei liegt versteckt zwischen Greifswalder Straße und Am Friedrichshain. In einem Teil sind die Ufo-Tonstudios von Jens Reule. Besitzer Reule stoppte mit mit Nachbarn Manfred Symmat einen Neubau auf der Freifläche zwischen den Häusern der Greifswalder Straße und der Brauerei. Symmat befürchtet, der über 20 Meter hohe Bau würde sein Haus mitsamt Hof verschatten. Reule sieht den Denkmalschutz des zusammenhängenden Bereichs gefährdet, so müsste offenbar ein historischer Eiskeller weichen. Zudem würde der Neubau den Blick auf die Brauerei verstellen. Der Bauherr wollte sich während des laufenden Verfahrens nicht äußern. Sein Kontrahent Reule hat auch Angst, dass künftige Bewohner des Neubaus von seinen Gästen genervt sein könnten. Denn er will seinen Teil der Brauerei zu einem Musik- und Medienzentrum ausbauen. Tonstudios sind schon drin, der Ausbau der Halle zur Aufnahme von Live-Konzerten ist geplant, ebenso Café und Museum. „Vom Zweiten Weltkrieg bis heute über die Biergeschichte Prenzlauer Bergs“, sagt Reule. In den feuchten alten, sechs Meter unter der Erde liegenden Gewölbekellern kleben noch Reste alter Metallbetten an den Wänden. Im Krieg diente der Keller als Bunker. In einem Raum liegen Töpfe, eine Funkstation, eine Panzerfelge aus dem Krieg, es riecht nach altem Desinfektionsmittel. Und aufs Dach könnte eine Galerie kommen, sagt Reule. Das Gelände der ehemaligen Schneiderbrauerei wurde im 19. Jahrhundert gebaut. Drumherum entstand der Vergnügungsort Schweizer Garten mit Biergarten und Kegelbahn. Mittlerweile stehen dort die weißen Townhäuser der Wohnsiedlung Prenzlauer Gärten.

Wie ein Spukschloss liegt die Schneiderbrauerei in Prenzlauer Berg.
Wie ein Spukschloss liegt die Schneiderbrauerei in Prenzlauer Berg.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Seit 2006 will Reule eine Million Euro in das Gebäude gesteckt haben. Mittlerweile würden sogar Touristen kommen, sagt er. Reule fühlt sich übergangen. „Alle wussten, was ich hier entwickele“, sagt er. „Mutig“ findet Stadtrat Jens-Holger Kirchner (Grüne) eine Live-Aufnahmehalle im Wohngebiet und prophezeit Ärger mit den Nachbarn. Mit der Entwicklung auf dem Areal ist Kirchner nicht zufrieden. „So dicht, wie es heute da ist, war es nie geplant“, sagt er. Mittlerweile kann er sogar die Zweifel des Gerichts an der erteilten Baugenehmigung nachvollziehen.

17 aktive Brauereien gibt es in Berlin noch. Ganz anders vor 112 Jahren. „Um 1900 war Berlin größter Bierproduzent Europas, mit 250 aktiven Brauereistandorten“, sagt Henry Gidom vom Verein Berliner Unterwelten. Er schreibt Bücher über die Geschichte Berliner Brauereien. 20 habe es vor dem Ersten Weltkrieg in Prenzlauer Berg gegeben. Bier braut keine mehr. Das Schultheiss-Areal mit Clubs und Geschäften ist als Kulturbrauerei bekannt. In der Willner-Brauerei in der Berliner Straße fand bis vor kurzem ein Flohmarkt statt. Nun verhandelt der Eigentümer, die Nicolas Berggruen Holdings, mit Interessenten. Eine Baugenehmigung für Einzelhandel, Büros und Gewerbe existiert. In der Groterjahn-Brauerei in der Milastraße am Mauerpark sind Wohnungen und ein Restaurant. Der Brauerei Pfefferberg in der Schönhauser Allee will eine Investorengruppe aus Hongkong neues Leben einhauchen und die Kellergewölbe in Ausstellungsräume verwandeln. In die Sanierung der Bötzowbrauerei an der Prenzlauer Allee will Investor Hans Georg Näder, Multimillionär und Chef des Prothesenherstellers Otto Bock Health Care, 100 Millionen Euro stecken. Der Bauantrag für den ersten Bauabschnitt wurde Anfang Oktober eingereicht, im März könnten erste Arbeiten beginnen. Für die geplanten Neubauten habe man „potenzielle Nutzer“, sagte ein Sprecher. Bereits ab 12. Oktober zeigt die Galería Habana auf dem Gelände für einen Monat Werke der kubanischen Maler Roberto Fabelo und Carlos Quintana. Spätestens 2020 soll dort alles fertig sein, auch ein Club ist geplant.

Die Backsteinfassade der alten Brauerei.
Die Backsteinfassade der alten Brauerei.Fotos: Doris Spiekermann-Klaas

Ein paar Straßen entfernt muss dagegen ein Club weichen. Steffen Schulz, Betreiber des „Steinhaus“ in der Königstadtbrauerei in der Saarbrücker Straße, erhielt überraschend die Kündigung zum Jahresende. „Das Gebäude ist in desolatem Zustand und wird abgerissen“, sagt Klaus Lemmnitz von der Genossenschaft Gewerbehof Saarbrücker Straße, die das Areal seit 2003 saniert. „Wir stecken jedes Jahr eine Million rein.“ Das „Steinhaus“ werde durch einen Neubau ersetzt.

Clubchef und Genossenschaftsmitglied Schulz will sich nicht vertreiben lassen. „Wir würden gerne selbst investieren und etwas Neues bauen“, sagt er, nämlich eine Halle mit Veranstaltungsräumen und Büros. Vorschläge seien bisher ignoriert worden. Der Fall liegt nun beim Anwalt. „Hier wird rücksichtslos mit Miteigentümern umgegangen“, findet Schulz. Lemmnitz will vor allem Handwerkern ein Zuhause geben: er plant eine Halle, ein mehrgeschossiges Gebäude und die Sanierung des Haupthauses an der Ecke Saarbrücker und Straßburger Straße. Die Arbeiten beginnen in diesem Jahr, sagt Lemmnitz. Davon kann Jens Reule nur träumen. Wie es an der Schneiderbrauerei weitergeht, ist unklar.

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