Berlin : Streit um Arzneien: Kommentar: Brachialtherapie

Christoph Stollowsky

Alle Welt starrt auf die Krankenkassen wie das Kaninchen auf die Schlange. Seit sie ihre Beiträge erhöhen, wird hektisch debattiert: Wie lassen sich die rasant steigenden Arzneimittelkosten stoppen, die scheinbar wie ein Krebsgeschwür das Kapital der Kassen bedrohen? Doch bei all dieser Aufregung wird kaum wahrgenommen, dass Berlins Krankenkassen zur Zeit mit der Brechstange gegen ärztliche Verordnungen vorgehen, weil sie auf Teufel komm raus sparen wollen. Dabei richten sie möglicherweise gesundheitliche Schäden an, die viel schlimmer sind als eine Beitragserhöhung.

Der Streit um den Einsatz von Medikamenten außerhalb ihrer Zulassung ist nur die Spitze dieser Brachialtherapie. Zugleich werden auf breiter Front Regressverfahren gegen Praxen durchgepaukt, die angeblich zu teure Präparate verordneten und diese Mehrkosten in fünf- bis sechsstelliger Höhe zurückzahlen sollen. Auch dabei gehen die Kassen undifferenziert vor - mit schlimmen Folgen für Patienten. Sie erhalten immer öfter Pillen zweiter Wahl. Erste Qualität müssen sie privat bezahlen.

Gewiss lässt sich auch bei Arzneimitteln auf vernünftige Weise noch viel Geld sparen. Beispielsweise durch den verstärkten Einsatz von Nachahmer-Präparaten (Generika), die gleichwertig, aber billiger sind als das Original. Doch hier verhalten sich die Berliner Ärzte längst kooperativ. Im bundesweiten Vergleich verordnen sie bereits die meisten Generika.

Nur: Allein mit dem Rezeptblock lassen sich die Kosten nicht in den Griff bekommen, denn sie haben teils andere Ursachen. Immer mehr Schwerkranke werden heute in ambulanten Praxen betreut, deren Verordnungen zwangsläufig zunehmen. Außerdem gibt es viele neue hochwirksame Mittel, allerdings mit Nebenwirkungen: Sie sind sehr teuer.

Das bleibt oft unerwähnt. Stattdessen werfen die Kassen der Gesundheitsministerin vor, sie habe die Arzneibudgets abgeschafft und damit den Ärzten die letzte Sparfessel genommen - was falsch ist: Berlins Praxen waren noch nie einem derartigen Regressdruck ausgesetzt wie zur Zeit.

Finden Berlins Kassen zu keiner besonnenen Finanztherapie zurück, zwingen sie manche schwerkranke Patienten zu einem absurden Kraftakt: Sie müssen den Umzugswagen bestellen. Vor allem in Süddeutschland wird noch manches bezahlt, was in Berlin auf der Streichliste steht - auch außerhalb der Zulassung.

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