Streit um Ausstellung in Potsdam : Empörung über Hitler-Bild im Landtag

Der Zentralrat der Juden und SED-Opferverbände haben die Ausstellung mit verfremdeten Porträts unter anderem von Hitler, Goebbels und Stalin im brandenburgischen Landtag kritisiert. Vertreter der Kunstszene sind hingegen geteilter Meinung.

von , und Jan Kixmüller
Aufreger. Die Ausstellung im Potsdamer Landtag, in der neben Porträts von ehrenwerten Persönlichkeiten auch Bilder von Verbrechern wie Goebbels hängen, steht in der Kritik.
Aufreger. Die Ausstellung im Potsdamer Landtag, in der neben Porträts von ehrenwerten Persönlichkeiten auch Bilder von Verbrechern...Foto: dpa

Die Ausstellung im neuen brandenburgischen Landtag in Potsdam mit verfremdeten Hitler-, Goebbels- und Stalin-Porträts hat eine breite Debatte ausgelöst. Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dieter Graumann, sagte, er erwarte vom Landtag „mehr politisches Fingerspitzengefühl. Portraits von NS-Verbrechern gehören ganz einfach nicht ins Parlament“. Die Porträtreihe sei ein „ein fahrlässiges Spiel mit dem Bösen, das immer noch viel zu viele Leute als allzu billigen Triumph erachten“. Kritik an der Ausstellung kam auch von NS- und SED-Opferverbänden.

Hugo Diederich, Bundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, sagte, die Bilder von Diktatoren seien eine Zumutung für die Opfer im öffentlichen Raum. „Ein Parlament sollte Ausdruck von Zukunft und Leben sein, nicht Ausdruck von Diktaturen, die Millionen von Menschen auf dem Gewissen haben“, sagte Diederich. Rainer Wagner von der Union der Opferverbände kommunistischer Gewaltherrschaft sagte, es sei fraglich, ob bei der Eröffnung eines Hauses der Demokratie mit der Relativierung von Moral ein gutes Zeichen gesetzt werde. „In einem anderen Zusammenhang kann ich mir die Ausstellung durchaus vorstellen. Aber der Landtag ist nicht da zur psychologischen Selbstuntersuchung, sondern ein Ort der Werte.“

Verfremdet. Titel des Bildes ist „Selbst als Helge Schneider als Hitler“.
Verfremdet. Titel des Bildes ist „Selbst als Helge Schneider als Hitler“.Foto: dpa

Quer durch fast alle Landtagsfraktionen sind die Meinungen zur Ausstellung geteilt, lediglich die CDU-Fraktion hat sich festgelegt und will bei der Sitzung des Landtagspräsidium am Mittwoch alles versuchen, die Ausstellung vor der feierlichen Eröffnung am Wochenende mit den Tagen der offenen Tür und der ersten Plenarsitzung im neuen Landtag doch noch zu verhindern. Der Landtag sei nicht der richtige Ort, um „Diktaturen und Verbrecher auszustellen“, sagte CDU-Fraktionschef Dieter Dombrowski. Eine Ausstellung mit Bildern zu Brandenburger Kultur und Landschaften wäre passender.

In der SPD gibt es Gesprächsbedarf

Auch FDP-Fraktionschef Andreas Büttner hatte gefordert, die 122 Porträts wieder abzuhängen. Bei den regierenden Fraktionen von SPD und Linken sind die Meinungen geteilt. Nachdem es am Sonntag bei der SPD-Fraktion hieß, die Kunstkommission habe sich für die Ausstellung entschieden und dabei bleibe es, stellte sich am gestrigen Montag heraus, dass es bei den Sozialdemokraten in der heutigen Fraktionssitzung Redebedarf gibt. Die Potsdamer Abgeordnete und SPD-Generalsekretärin Klara Geywitz sieht in der Ausstellung keinen Debattenbeitrag, sondern eine gezielte Provokation, die für viele eine emotionale Zumutung sei.

Hereinspaziert in Brandenburgs neuen Landtag
Applaus, Applaus. Mit einem Bürgerfest wurde der neue Landtag eröffnet - viele Berliner und Potsdamer machten sich auf den Weg, um sich das Gebäude anzuschauen.Weitere Bilder anzeigen
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18.01.2014 16:00Applaus, Applaus. Mit einem Bürgerfest wurde der neue Landtag eröffnet - viele Berliner und Potsdamer machten sich auf den Weg, um...


Landtagsvizepräsidentin Gerrit Große (Linke), die Vorsitzende der Kunstkommission ist, sagte, am Montag habe für die Präsidiumssitzung am Mittwoch noch kein offizieller CDU-Antrag vorgelegen, die umstrittenen Bilder abzuhängen. Sollte er eingehen, werde die Linke ihn auf jeden Fall ablehnen. Von den Grünen gebe es die gleichen Signale, bei der SPD sei es unklar. Große sprach von „einem gepushten Thema“. Der Vorwurf, im Landtag werde Hitler ausgestellt, sei „völlig absurd“. Es handele sich nicht um Porträts von Diktatoren, sondern um Selbstporträts des Malers unter dem Motto „Ich als...“, die zum Nachdenken anregen sollen. „Zu sehen sind Ausschnitte der Menschheitsgeschichte mit Menschen, die Schreckliches getan haben und Menschen, die Großes geleistet haben.“

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Erste Abgeordnete ziehen in den neuen Brandenburger Landtag ein
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Die 112 Bilder und 13 Holzskulpturen umfassende Ausstellung „Vorbilder-Nachbilder-Gegenbilder“ des im Havelland lebenden Malers Lutz Friedel war bereits mehrfach zu sehen, etwa in Potsdam. Sie zeigt verfremdete Porträts von Adolf Hitler, NS-Propagandaminister Joseph Goebbels, des Sowjet-Diktators Josef Stalin und der berüchtigten DDR-Justizministerin Hilde Benjamin, die für zahlreiche Schauprozesse für willkürliche Todesurteile gegen politische Gegner verantwortlich war. Die Schau soll ein Jahr im Parlament zu sehen sein, bei Kunsthistorikern und Wissenschaftlern in Potsdam stieß sie auf ein geteiltes Echo.

Der Künstler malte sich als Hofnarr

Die Friedel-Ausstellung sei „eine sehr gute und passende Lösung“ für das Eröffnungsjahr des Landtages, sagte der Potsdamer Kunsthistoriker und NS-Raubkunst-Experte Andreas Hüneke:„Ich finde es wichtig, dass mit der Ausstellung eine Frage gestellt wird an die Abgeordneten und nicht nur Kunst gezeigt wird“. Märkische Landschaften hinzuhängen wäre natürlich schön einfach gewesen, aber doch belanglos." Friedel werfe mit den Porträts Fragen auf, denen sich auch die Abgeordneten stellen müssten. Denn mit den verfremdeten Selbstporträts hinterfrage der Künstler seine Identität und seine Rolle in der Gesellschaft: „Wer bin ich und weshalb bin ich der, der ich bin?“ Diese wichtige Frage werde mit der Ausstellung auch den Abgeordneten gestellt. „Natürlich heißt das nicht, dass jemand die Möglichkeit hätte, Hitler zu werden“, so Hüneke – aber die bekannten Köpfe führten dazu, dass sich die Betrachter überhaupt damit auseinandersetzten. Die Herangehensweise habe Friedel bereits in früheren Werken zu DDR-Zeiten gewählt, als er sich selbst etwa als Hofnarr porträtierte – und so laut Hüneke seine Rolle als Künstler im Staat reflektierte.

Wilhelm Neufeldt, Sprecher der AG Gegenwartskunst Potsdam und Vorstandsmitglied der Kunstvereins Kunsthaus, lehnt die Ausstellung hingegen ab: „Ich finde es wenig sensibel, solche Figuren, die Furchtbares angerichtet haben, neben einem Bob Dylan zu zeigen.“ Im Parlament sollten Figuren zu sehen sein, „die Vorbildcharakter haben, mit denen man sich identifizieren kann.“

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