Streit um Bauland in Potsdam : Landwirte am Krampnitzsee klagen über "Enteignung"

Die Landwirte neben der ehemaligen Kaserne am Krampnitzsee sind wütend. Sie sollen ihre Ackerflächen billig an die Stadt Potsdam verkaufen, die daraus teures Bauland machen will.

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Das ist unser Feld. Auch Bauer Ruden fürchtet um die Existenz. 
Das ist unser Feld. Auch Bauer Ruden fürchtet um die Existenz. Foto: Manfred Thomas

Potsdam - Im Norden Potsdams gibt es Streit, mächtig Streit. Es geht um die Entwicklungspläne für die ehemalige Kaserne am Krampnitzsee. Dort will Potsdam einen komplett neuen Stadtteil aufbauen lassen, mit Kitas, 1600 Wohnungen für fast 4000 Menschen. Investitionsvolumen: mehr als 350 Millionen Euro. Geplante Fertigstellung: 2023. Ein Langzeitprojekt, Potsdam wächst und wächst schließlich und die Mieten steigen immer höher.

Doch an der Bundesstraße B 2, am idyllischen Krampnitzsee, gibt es Ärger. Als jüngst Potsdams Stadtplanungschef Andreas Goetzmann zur Diskussion lud in den Aufenthaltsraum der Freiwilligen Feuerwehr Fahrland, hörte er die Wut der Landwirte. Der Grund: An sechs Stellen geht das vom Pro-Potsdam-Manager Erich Jesse geplante Entwicklungsgebiet über die Grenze der einstigen Kaserne hinaus und nimmt auch große Landwirtschaftsflächen in Beschlag. So sind 2,5 Hektar des Krampnitzer Bauern Ernst Ruden betroffen. „Wir sollen den Acker für 40 Cent an die Stadt verkaufen und die macht daraus teures Bauland – wo gibts den so etwas?“, entrüstete Ruden sich. Offiziell bestehe eine „Mitwirkungspflicht des Grundeigentümers“ – der 42-Jährige formuliert es lieber so: „Ich nenne es Enteignung.“

Die Stadt setzt bei ihren Plänen auf den Paragrafen 165 des Baugesetzbuches (BauGB), wonach Grundbesitzer einen großen Teil der Wertsteigerung im Zuge der Umwandlung von Acker- in Bauland an den Entwicklungsträger auszahlen müssen. Der Entwicklungsträger wiederum bezahlt mit diesen Beträgen den Bau von Straßen und Kitas, kurzum, die Infrastruktur im Entwicklungsgebiet.

Theoretisch könnte Ruden auf seinem Acker selbst als Wohnbau-Entwickler auftreten, doch das will Ruden gar nicht. Er ist Bauer, wie sein gleichnamiger Vater es auch war. Auch der 22-jährige Sohn trägt den Namen Ernst Ruden und es ist abgemachte Sache, dass er den Landwirtschaftsbetrieb Ruden dereinst übernehmen wird. Die 2,5 Hektar brauche der Betrieb als potenzielle Erweiterungsfläche und als Weidefläche für die Kühe, wenn diese auf den tiefer gelegenen sumpfigen Wiesen nicht mehr grasen können.

Natürlich weiß Ruden, dass gerade seine Fläche – der sogenannte Aasberg – , der einen guten Blick auf den Fahrländer See bietet, als teures Bauland verkauft werden soll, um die Entwicklungsmaßnahme zu finanzieren. Vier Millionen Euro gingen an Einnahmen verloren, bleibt der Aasberg Ackerland, habe Potsdams Baubeigeordneter Matthias Klipp (Bündnisgrüne) ihm vorgerechnet, berichtet der Landwirt. Rudens Frau Cindy versteht jedoch ohnehin nicht, wie sich teures Wohnen und der Landwirtschaftsbetrieb miteinander vertragen sollen. „Morgens um sechs Uhr geht der Traktor an“, erzählt sie. „Das wird Villenbesitzern nicht gefallen; die wollen ihre Ruhe.“

Potsdam bietet Ausgleichsflächen an. Das berichtet auch das junge Landwirtspaar Ariane Scharf und Lars Kutzer, das mit seinen beiden Kindern direkt an der Kasernen-Grenze wohnt und eine ein Hektar große Fläche bewirtschaftet. Auch dieser Grund und Boden soll mit Wohnhäusern bebaut werden. „Damit ist unsere Existenz bedroht“, sagt die 30-jährige Ariane Scharf. Ausgleichsflächen brächten wenig, das Paar lebe unter anderem vom Verkauf der Pfingstrosen, die nicht umgesetzt werden könnten. Die Wurzeln reichten eineinhalb Meter in die Tiefe.

Auch Rudens brauchen ihren Acker nahe dem Wohnhaus, nicht sonstwo. „Die Hühner müssen drei Mal täglich gefüttert werden, man muss vor Ort sein“, sagt Ernst Ruden, der mittlere. Grundsätzlich, sagt der Landwirt, sieht er eine Entwicklung der Ex-Kaserne aber positiv, allerdings nur innerhalb ihrer Grenzen.

Genau diese Position hat Fahrlands Ortsvorsteher und Potsdamer Stadtverordnete Claus Wartenberg (SPD) nun in einen Antrag an den Ortsbeirat gegossen. Tenor: Entwicklung ja, aber innerhalb der Kasernengrenze. Unterstützung bekommen die Fahrländer von der Ortsvorsteherin von Neu Fahrland, Carmen Klockow (CDU). In ihrem Ortsteil sei die Gärtnerei von Meike Kania betroffen. Eine Verdrängung der Landwirtschaft dürfe es nicht geben. Carmen Klockow: „Wir wollen die Äpfel nicht aus Neuseeland.“

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