Streit um die Schulreform : Manche Sekundarschulen improvisieren noch

Opposition wirft dem Senat vor, die Schulreform übereilt durchgesetzt zu haben. Elternvertreter sehen das nicht so, fordern aber Hilfe in Problemkiezen.

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Die Bildungsverwaltung wehrt sich gegen den Vorwurf, dass kurz nach der Abschaffung der Hauptschulen bereits wieder neue „Restschulen“ entstehen. „Es stimmt nicht, dass bei der Einführung der Sekundarschulen nur die Türschilder ausgewechselt wurden“, wies die Sprecherin von Bildungssenator Jürgen Zöllner (SPD), Beate Stoffers, entsprechende Darstellungen zurück. Insbesondere der Ganztagsbetrieb und die Unterstützung durch Sozialarbeiter in den Sekundarschulen machten den Unterschied. Aus der Opposition kam allerdings der Vorwurf, dass die „übereilte“ Umsetzung der Reform eine gute Vorbereitung verhindert habe.

„Die Schulen hätten ein Jahr mehr gebraucht“, sagt CDU-Bildungspolitiker Sascha Steuer. Auch Mieke Senftleben (FDP) geht davon aus, dass die Schulen zu wenig Zeit gehabt hätten, sich richtig vorzubereiten. Sie habe immer vor einer reinen Umetikettierung gewarnt.

Landeselternsprecher Günter Peiritsch sieht das anders. „Die Reform war nicht zu schnell“, steht für ihn fest. Man werde auch durch längeres Warten nie einen Zustand erreichen, bei dem alles perfekt sei. Wenn es jetzt Schulen gebe, die besonders große Anlaufschwierigkeiten hätten, müsse man eben „Verstärkung hinschicken und nachsteuern“, fordert Peiritsch. Man könne keinesfalls erwarten, dass über Nacht alle Probleme gelöst seien. Im Übrigen gebe es große Unterschiede zwischen den Bezirken.

Tatsächlich gibt es Bezirke, aus denen man kaum Beschwerden hört, und solche mit massiven Problemen. Vor allem Tempelhof-Schöneberg wird immer wieder genannt. Hier hatte Bildungsstadtrat Dieter Hapel (CDU) zunächst die rot-rote Strukturreform hinauszögern wollen, war dann aber auf die Linie anderer Bezirke eingeschwenkt, die sich für eine sofortige Abschaffung der Hauptschulen entschieden hatten. Allerdings reichte die Hausmacht des Stadtrates nicht aus, um alle nötigen Gelder für den Umbau der Schulen im Bezirk bereitzustellen, so dass der Betrieb mancherorts noch sehr provisorisch läuft. Dass Hapel von seiner Partei jüngst nicht erneut nominiert wurde, „hilft uns jetzt auch nicht mehr weiter“, heißt es resigniert aus den Schulen, die unter dem Sanierungsstau leiden oder noch immer auf ihre Ganztagsräume warten.

Die Befürworter der raschen Schulreform lassen sich von diesen Negativbeispielen nicht beirren. „Die früheren Hauptschulen stehen durch die Reform besser da“, heißt es aus der Bildungsverwaltung. Tatsächlich belegt die Statistik, dass ein Großteil dieser Brennpunktschulen bereits einen hohen Anteil an Schülern mit Realschulempfehlung hat und nicht mehr ausschließlich mit Hauptschulempfohlenen umgehen muss. Allerdings gibt CDU-Politiker Steuer zu bedenken, dass die Mehrzahl der ehemaligen Hauptschulen in diesem Jahr weniger Anmeldungen gehabt habe als früher. Es gebe Schulen mit nur 14 Anmeldungen für 100 Plätze, was bedeute, dass Dutzende Kinder gegen ihren Willen „zugewiesen“ worden seien.

Paul Schuknecht von der GEW-Schulleitervereinigung bestätigt, dass „einige Schulen mit dem Rücken zur Wand stehen“ – wegen baulicher Mängel, fehlender Lehrer oder problematischer Schülermischung. „Die Gefahr, dass neue Brennpunktschulen entstehen, ist nicht gebannt“, sagt Schuknecht, der selbst eine Sekundarschule leitet. Auch das Thema „Deutschenfeindlichkeit“ spiele weiter eine Rolle: „Wir haben es mit Schülern zu tun, die mit normalen pädagogischen Mitteln nicht in den Griff zu bekommen sind.“ Das müsse man ernst nehmen.

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