Berlin : "Streit um drei": Gesucht: Anwälte, kameratauglich und plakativ

Katja Füchsel

Das erste Wuscheln hatte der Bart schadlos überstanden. Als die Folge schon fast im Kasten ist, die Kameraleute nur noch schnell ein paar Zwischenbilder drehen wollen, rieselt es verdächtig: ein einzelnes Barthaar, dunkel und gekräuselt, segelt auf den Richtertisch. "Ich habe keine Ahnung, wie ich diesen Fall entscheiden soll", hatte Ulrich Volk - bei der ZDF-Gerichtsshow "Streit um drei" amtierender Arbeitsrichter - vor der Aufzeichnung gemurmelt. Wenig später steht die Entscheidung fest: Der Bartträger muss sich die Abmahnung seiner Chefin gefallen lassen. "Der Antrag des Klägers wird abgewiesen", verkündet Volk.

Wer an der Oberlandstraße die Filmaufnahmen von "Streit nach Drei" besuchen möchte, muss sich auf dem Studiogelände ganz rechts halten. Etwas versteckt in einem Neubau wird hier zwei Mal in der Woche vorproduziert. An diesem Tag steht die 357. Folge auf dem Programm, der 1171. Fall: Adrian Folkert, ein stolzer Vollbartträger, wehrt sich gegen die Abmahnung seiner Chefin, Besitzerin eines italienischen Spezialitätengeschäfts. Der Frau ist der mächtige Bart ihrer Tresenkraft nicht geheuer, sie fürchtet, dass ihre Kunden aus hygienischen Gründen fernbleiben könnten.

Theoretisch wäre dieser Fall natürlich denkbar, er ist aber reine Fiktion: Im wirklichen Leben heißt Folkert gar nicht Folkert, stand auch noch nie hinter einer Lebensmitteltheke oder vor dem Arbeitsgericht - ein stolzer Bartträger und Mitglied im Berliner Bartträger-Club ist er aber tatsächlich. Drei Kumpel aus seinem Verein sitzen im Studiopublikum, an ihnen hat der Regisseur vor den Monitoren einen besonderen Narren gefressen. "Okay, geil, rattenscharf", jubelt Hartwig van der Neut, als Spitz- , Schnurr- und Rauschebärte auf den Monitoren groß herangezoomt erscheinen.

"Streit um drei" erscheint in der Woche täglich: um 15 Uhr 10. Geschlichtet werden hier laut ZDF "menschliche und allzu menschliche Probleme": der Streit am Gartenzaun, der Urlaub im falschen Hotel oder die misslungene Liebesnacht. An jedem Freitag entscheidet Ulrich Volk - im wirklichen Leben Fachanwalt für Arbeitsrecht - bei "Streit nach Drei" arbeitsrechtliche Streitigkeiten. Wie beispielsweise den Fall um den Vollbart hinter dem Tresen.

Nach zweieinhalb Jahren suchen die Macher von "Streit um drei" nun nach etwas Neuem: Zukünftig soll das Programm auch um Fälle aus dem Strafrecht bereichert werden. Doch dazu sucht das ZDF jetzt Staatsanwälte und Rechtsanwälte als Darsteller. Juristen, gerne weiblich, am liebsten jung. "Sie müssen kamerasicher sein und plakativ sprechen können", sagt Brigitte Duczek, Redakteurin bei "Streit um drei". Schauspieler-Richter Ulrich Volk tritt bei der Serie unter echtem Namen auf, den künftigen Staats- und Rechtsanwälten will man diese Möglichkeit zur Werbung für die eigene Kanzlei offenbar nicht mehr geben. "Die können mit ihrem Gesicht werben", sagt Duczek.

Während der Regisseur vor 16 Monitoren Anweisungen trifft, stöhnt "Richter" Volk zwischen den Studioscheinwerfern über die Hitze. Die Klimaanlage ist laut. Die Mittagspause fern. Das Team nimmt zuerst die Einleitung des Richters auf, dann heißt es aus der Bildregie: "Wenn wir jetzt starten, lassen wir die Verhandlung durchlaufen!" Denn bei "Streit um drei" gibt es zwar einen roten Faden, aber keine vorgeschriebenen Dialoge. "Wenn sich jemand um Kopf und Kragen redet, kann er auch schon mal das geplante Urteil kippen", heißt es bei der Produktionsfirma "Televersal". Adrian Folkert, der Bartliebhaber, macht seine Sache nicht schlecht. "Das war der absolute Sympathieträger", sagt Volk, als er das Studio verlässt. "Aber das Urteil folgt der gängigen Rechtsprechung."

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