Streit um Flugrouten : Bürger melden sich zum freiwilligen Widerstand

Sie haben dem Staat immer vertraut und ihn gestützt. Doch seit die neuen Routen für den BBI-Airport in Schönefeld bekannt sind, wittern sie Betrug. Eine bürgerliche Flugabwehrgeschichte.

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Klare Ansage: Bürgerinitiativen wehren sich gegen die Flugzeuge über ihren Köpfen.
Klare Ansage: Bürgerinitiativen wehren sich gegen die Flugzeuge über ihren Köpfen.Foto: dapd

Der Schlachtensee liegt starr im Herbstdunst. Windböen reißen welke Blätter von den Bäumen. Marela Bone-Winkel trägt Stiefel und eine lange engmaschige Wolljacke unter dem schwarzen Mantel, als sie durch den grauen Tag marschiert, eine Straße entlang, die zu einem mexikanischen Restaurant führt. In das bestellt sie Journalisten, damit die nicht länger ausplaudern, wie es bei ihr zu Hause aussieht.

Vieles, was Zeitungen über sie schreiben, findet Marela Bone-Winkel anmaßend oder indiskret. Die „Mutter des Flugrouten-Protests“, hat eine sie genannt, schrieb von ihr als promovierter Politologin und Mutter von vier Kindern, was sie bis heute maßlos ärgert. Was haben ihre Ausbildung und akademische Qualifikation mit der Sache zu tun, wen geht eigentlich die Zahl ihrer Kinder etwas an?

Die Sache, das ist diese: Seit fünf Wochen ist bekannt, dass Flugzeuge vom künftigen BBI-Airport in Schönefeld nicht einfach geradeaus starten und landen werden, wie bisher alle gedacht hatten, sondern dass sie kurz nach dem Start abdrehen können, um dann in einer weiten Rechtskurve den Berliner Südwesten, speziell die Villenviertel im Grunewald und am Wannsee, zu überfliegen. Das heißt: Es wird dort laut werden und die Luft wird schlechter.

Marela Bone-Winkel war kurz schockiert und dachte, dass das sicher nicht ernst gemeint sei. War es aber. Sie sagt: „Wir sind belogen worden. Wir waren betroffen, ohne zu wissen, dass wir betroffen sind.“ Das wollte sie sich so nicht bieten lassen, wollte etwas tun, ging zum Telefon, rief den Bezirksbürgermeister an, kam nur bis zum Referenten durch, der riet lapidar: Gründen Sie doch eine Bürgerinitiative. Und das tat sie.

Sie sei nicht hysterisch, sagt sie, und sie vertreibe sich mit dem Protest auch nicht die Langeweile einer gut situierten Hausfrau. Wegen der Gesundheit ihrer Kinder engagiere sie sich. Und wegen der Gerechtigkeit. Sie sagt: „Ich meine es ernst.“

Nicht als Einzige. Inzwischen gibt es 30 Bürgerinitiativen gegen die neuen Flugrouten. 200 000 Menschen seien betroffen, sagen die Flugrouten-Gegner. In Kleinmachnow, Teltow und Stahnsdorf, in Nikolassee, Wannsee und Sacrow. In Windeseile taten sich hier wie dort Nachbarn zusammen, sie hielten Versammlungen ab, legten Unterschriftenlisten aus, alarmierten Abgeordnete und Stadträte. Eine Internetseite vernetzt die lokalen Gründungen, die inzwischen bis nach Bornstedt im Westen und Zeuthen im Süden reichen. „Klick-klack-klick, das ging wie Lego bauen“, sagt Marela Bone-Winkel. Fast überall dort wohnen Leute, die Einfluss haben, manche sagen: die Elite, auch Mittelständler, Lehrer und Pensionäre. Es sind die Begüterten, was ihnen auch zum Vorwurf gemacht wird: Ihr habt doch schon alles! Jetzt schluckt auch mal was! Stattdessen haben sie ihren Sachverstand in Stellung gebracht.

Juristen, Ingenieure, Piloten und Professoren meldeten sich zum freiwilligen Widerstand. Sogar ein international erfahrener Flughafenplaner arbeitet schon im Hintergrund. Hans-Joachim Pfaff, ehemals Staatssekretär in Brandenburg, und die ehemalige Bundesministerin Sabine Bergmann-Pohl sind mit an Bord. Und die Politik reagiert, erschrocken über die neue Bewegung, mit hilflosen Gesten. Die Fluglärmkommission, die seit Jahren die Interessen des Flughafens mit denen der Anwohner zu vermitteln versucht, wurde gleich zweimal erweitert. Jetzt ist kaum noch zu steuern.

Auch ein Diplomat mit Wohnsitz Teltow gehört zum Widerstand: Andreas Hess, 39, Familienvater und „rotierender Beamter“ im Auswärtigen Dienst. In Osteuropa und Afrika war er schon im Einsatz. Jetzt kümmert er sich um den Schutz seiner Wahlheimat, in der er vor drei Jahren ein Haus baute. Natürlich informierte sich Hess über die künftigen Lärmzonen des BBI, gab „Teltow“ in den Rechner der „Fluglärmkabine“ in der Airportworld in Schönefeld ein. Der Name wurde gar nicht akzeptiert. Teltow lag weitab von allen Flugrouten. Guten Gewissens kaufte er also das Grundstück.

Von „Betrug“ möchte Hess nicht reden, aber betrogen fühlt er sich dennoch. „Wir sind ganz normale Bürger, die auf den Staat vertrauen.“ Dieses Vertrauen ist nun erschüttert. An Protestbewegungen hat er sich noch nie beteiligt, bisher sah er keinen Anlass sich einzumischen. Jetzt meldet Hess bei der Polizei Demonstrationen an.

Vor dem kleinen Siedlungshaus in Kleinmachnow, mit der Jahreszahl 1936 über der Haustür, haben sich Andreas Hess, Matthias Piaszinski, Chef der Stahnsdorfer Bürgerinitiative, und Matthias Schubert, der den Protest in Kleinmachnow dirigiert, zum Pressefoto aufgebaut. Gleich ist Sitzung des „Sprecherrats“ der Flugrouten-Bürgerinitiativen, kurz BIs. Schubert trägt noch Dienstkleidung: weißes Hemd und Nadelstreifenanzug. Er arbeitet als Verwaltungsrechtler in Berlin. Vor 15 Jahren zog er mit seiner Familie aus Kreuzberg in den lauschig-biederen Vorort. 900 Quadratmeter Grundstück, eigentlich zu groß für seine Besoldungsstufe. Jetzt, wenn es abends kühl wird, hört man deutlich das Rauschen der nahe gelegenen Autobahn. Das war 1995 noch nicht so stark, sagt Schuberts Frau. Und die Flugzeuge werden noch viel lauter. Schubert sagt, mit den Höhenangaben der Flugsicherung seien nur die Mittelstreckenflieger gemeint. Die schweren Interkontinental-Maschinen würden viel tiefer fliegen. „Das wäre eine Totalveränderung der Region. Die meisten wissen noch gar nicht, was auf sie zukommt.“

Schubert glaubt, dass bei der Standortentscheidung für Schönefeld und der folgenden Planfeststellung die abknickenden Flugrouten-Varianten bewusst unterschlagen wurden, um den Südwesten Berlins nicht zu beunruhigen. Mitte der 90er Jahre kämpften der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen und die Berliner CDU für Schönefeld, die SPD zusammen mit Brandenburg für den Alternativstandort Sperenberg. Hätten die mächtigen CDU-Fürsten aus Zehlendorf und Steglitz damals geahnt, dass ihre Region Überfluggebiet werden könnte, wären sie Diepgen von der Fahne gegangen.

Schubert vergleicht das mit planerischen Manipulationen in China. „Das war Betrug, wenn auch nicht im juristischen Sinne.“ So etwas habe es in Deutschland noch nicht gegeben. Also ein handfester Skandal, mindestens so polarisierend wie Stuttgart 21.

Es gebe Leute, die Straßen sperren oder die Flughafenbaustelle besetzen möchten, sagt Piaszinski, gebürtiger Lichtenberger, von Beruf Steuerberater, seit 2005 im Besitz eines Eigenheims in Stahnsdorf. Auch Bone-Winkel spricht von „Radikalisierung der Basis“, aber die BI-Chefs halten da den Deckel drauf, setzen weiter auf braven Bürgerprotest und nüchterne Argumente, ohne Sitzblockaden, Wasserwerfer und Verletzte. Niemand von ihnen will, dass der BBI in Schönefeld verhindert wird. Hess: „Wir sind keine Nein-Sager.“

Der Protest hat inzwischen auch den Neuköllner Süden erreicht. Die dortige Bürgerinitiative ist noch nicht richtig gestartet, es fehlt ein Webdesigner im Team, aber ein paar hundert Unterschriften haben sie schon zusammen. Über ihnen sollen sich in rund 3000 Metern Höhe zwei Flugrouten überschneiden. Andreas Huth, promovierter Wirtschaftsingenieur, Vater zweier Kinder und seit zwei Jahren Bewohner des Rudower „Blumenviertels“ bringt den „Kerosinregen“ ins Spiel und die Umweltzone, die für den Straßenverkehr Schadstoffgrenzen festsetzt. Warum dürfen dann „Tanker“ mit 200 000 Litern Kerosin an Bord und entsprechender Abgasfahne da einfach durchfliegen? Ein überraschender Ansatz. Auch wenn sein Ortsteil außerhalb der Umweltzone liegt.

In der direkten Umgebung des Flughafens regen die Flugrouten niemanden auf. Hier wird es ohnehin laut, und manche empfinden Schadenfreude über die „West-Berliner“, die sich nie um Schönefeld kümmerten, weil es doch gefühlsmäßig schon fast in Polen lag. „Es gab ja bisher keine Solidarität“, sagt Christine Dorn, die schon in Bohnsdorf lebte, als es noch die Mauer gab. Sie hat keinen Expertenstab um sich herum, keinen akademischen Titel, aber ihr Detailwissen über das komplexe Räderwerk des Planungsrechts versetzt Politiker immer wieder in Erklärungsnot. Weil sie bei Anhörungen den Protokollanten nicht traut, schreibt sie selber mit und prüft anschließend, welche Aussagen frisiert wurden.

Christine Dorn freut sich über den „Aufschrei“ im Südwesten der Stadt und sagt zugleich. „Wir sind auch Berlin!“

Auf keinen Fall dürfe es nach dem Prinzip gehen: Wer am lautesten schreit, bekommt am meisten Zugeständnisse. Geflogen ist sie noch nie von Schönefeld aus. Überhaupt war sie erst zweimal über den Wolken. „Mehr kann ich mir gar nicht leisten.“ Christine Dorn fährt Fahrrad, auch bei Regen. Der Bürgerprotest gegen Stuttgart 21 hat ihr Mut gemacht, sich weiter einzumischen, „wenn Politiker gegen den Bürgerwillen Steuermilliarden ausgeben“.

Weiter westlich, in Lichtenrade, lebt seit fünf Jahren Günter Haße, 64, mit Familie in seinem Rückzugsort Doppelhaushälfte. Ihm drohen Überflüge in 500 Metern Höhe. Haße hat in seinem Leben schon einmal einen unsichtbaren Feind bekämpft: den Krebs. Jetzt kämpft er gegen den Lärm. Wieder „rund um die Uhr“.

Morgen treffen sich die Lichtenrader zu ihrer Montagsdemo gegen die Flugrouten. Zur ersten Kundgebung vor einer Woche kamen fast 2000 Menschen, für den beschaulichen Ortsteil eine kleine Sensation. Haße konnte sein Glück kaum fassen. Er nahm das Megafon, gab den Protestvers vor, und die Menschenmenge – Familien mit Kinderwagen, ergraute Ehepaare, betagte Großväter – wiederholte im Chor: „1, 2, 3, keine Fluglärm-Schweinerei.“ Nach zweimal Üben marschierten sie trillerpfeifend los.

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