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Streit um Homophobie : Türkiyemspor droht Spielern mit Rauswurf

Bei Türkiyemspor wird der Ton rauer. Zwei Spielern der Freizeitliga-Mannschaft, die das Logo des Schwulen- und Lesbenverbands trägt, wird der Ausschluss angedroht. Einer der Spieler hat jetzt den Klub verlassen.

Frank Bachner
Image in Gefahr. Im Türkiyemspor-Spielern droht der Rauswurf.
Image in Gefahr. Im Türkiyemspor-Spielern droht der Rauswurf.Foto: dpa

Gleich nach dem Begriff „vereinsschädigendes Verhalten in den letzten Wochen“ wird der Autor deutlicher. „Ihnen wird konkret vorgeworfen, gegenüber einem Vorstandsmitglied beleidigend und diffamieren

in der Öffentlichkeit auf dem Sportplatz persönlich angreifend vorgegangen zu sein.“ Deshalb „erwägt“ der Vorstand die Kündigung der Mitgliedschaft. Mit freundlichen Grüßen: Beklan Coskun, Zweiter Vorsitzender Türkiyemspor Berlin 1978 e.V.

Zwei Spieler der Freizeitliga-Mannschaft des Kreuzberger Fußball-Vereins erhielten, gleichlautend, diesen Brief, datiert auf den 10. Oktober. Zwei Spieler jener Mannschaft, die das Brust-Logo des Lesben- und Schwulenverbands (LSVD) trägt, jenes Logo, welches das Image von Türkiyemspor als weltoffener, liberaler Verein stärkte.

Kritik am Vorstand

Für einen der Spieler ist klar: „Der Vorstand versucht nun auf diesem Weg, die Mannschaft zu schwächen oder aufzulösen.“ Das Team sollte eigentlich gar nicht mehr am Spielbetrieb teilnehmen, erst der Insolvenzverwalter des klammen Klubs hatte wie berichtet vor wenigen Wochen die handstreichartige Abmeldung des Teams durch den Vorstand rückgängig gemacht. Die Führung hatte moniert, das Team spreche Aktionen nicht mit dem Vorstand ab. Jörg Steinert, Geschäftsführer des LSVD, hat eine ganz andere Einschätzung: Der Vorstand stehe nicht mehr hinter der Idee eines weltoffenen, liberalen Vereins, ihn störe das Logo des Homosexuellen-Verbands. Zornig trat Steinert als Türkiyemspor-Aufsichtsrat zurück.

Was Coskun den Spielern genau vorwirft, sagt er nicht. Nur so viel: „Das Ganze läuft seit zwei Jahren. Aber ich rede nicht über vereinsinterne Dinge.“

Streit mit einem Funktionär

Einer der beiden Spieler ist sauer: „Ich habe mich nicht vereinsschädigend verhalten.“ Er habe nur einmal einen heftigeren Streit mit einem Funktionär gehabt. Und zwar vor dem jüngsten Heimspiel, kurz nachdem der Vorstand vergeblich versucht hatte, das Team abzumelden. Die Kabinen seien abgeschlossen gewesen, ein Vereinsfunktionär, der neben dem Platz arbeite, habe zwar die Schlüssel gehabt, sich aber mit Hinweis auf die Abmeldung geweigert, sie herauszugeben. Dieser Funktionär sei freilich kein Vorstands-Mitglied. Die Mannschaften zogen sich im Gebüsch um.

Ebenso wie Steinert hat auch der Spieler, dem die Kündigung angedroht wurde, das Gefühl, dass der Vorstand wenig von einer liberalen, weltoffenen Idee halte. „Man merkt die homophoben Signale in vielerlei Aussagen zwischen den Zeilen. Niemand zeigt offen Homophobie. Aber immer, wenn der LSVD ins Spiel kommt, wird sehr emotional und sehr abwehrend diskutiert. Und oft mit drastischer Wortwahl.“ Das beziehe sich auch auf einige Mitglieder. Dabei sei der LSVD nur einer von vielen Sponsoren.

Das Vorstandmitglied Bülent Gündogdu hatte homophobe Tendenzen bei Türkiyemspor gegenüber dem Tagesspiegel scharf zurückgewiesen. Er betonte, dass bei dem Verein die sexuelle Neigung von Mitgliedern völlig egal sei. Allerdings müsse man auch „Respekt vor den Mitgliedern haben, vor ihrer Religion und vor ihren Vorstellungen“. Zu den aktuellen Vorwürfen gegen die beiden Spieler wollte er nichts sagen. Einer von ihnen hat am Donnerstag Konsequenzen gezogen: Er ist aus dem Verein ausgetreten.

Am gleichen Tag hat sich die zweite Männermannschaft mit der Freizeitliga-Mannschaft solidarisiert. In einem Schreiben an den Vorstand teilt sie mit: „Wir waren uns sicher, zu einem Verein zu wechseln, der aktiv gegen (...) Ausgrenzungserscheinungen Stellung bezieht. Die aktuellen Geschehnisse stehen diesem Bild diametral gegenüber.“

Aber Türkiyemspor hat noch eine weitere Baustelle: Die Mitgliederversammlung ist längst überfällig. In der Aufsichtsrat-Sitzung vom 3. Juli wurde als Termin der 27. September festgelegt. Geschehen ist bis heute nichts. Warum? Da sagt Beklan Coskun, der zweite Vorsitzende: „Das weiß ich nicht.“

Dafür weiß er, weshalb auch dem früheren Jugendleiter Günter Hartmann der Vereinsausschluss droht. Coskun hat den Brief unterschrieben. Der Vorwurf diesmal: Hartmann soll „gegenüber dem Vorstand“ auf seiner Internetseite „in den letzten Wochen und Monaten vereinsschädigende Berichte veröffentlicht“ haben. Hartmann weist die Vorwürfe entschieden zurück.

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