Streit um Studie : Das Gymnasium schlägt zurück

Berlins Gymnasien wehren sich gegen den Vorwurf, Kinder nicht besser zu fördern als die Grundschulen. Diese jüngsten Bewertungen des Bildungsforschers Jürgen Baumert seien "bildungspolitisch einseitig", lautet die Einschätzung des Verbands der Oberstudiendirektoren.

Susanne Vieth-Entus

BerlinIhr Vorsitzender Ralf Treptow betonte, „alle Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass Kinder nach der 6. Klasse am Gymnasium wesentlich weiter sind als nach einer sechsjährigen Grundschulzeit“. Das belegten auch Untersuchungen zu den Lernausgangslagen in den siebten Klassen.

Baumert hatte in seiner Studie dargestellt, dass die Fortschritte in Klasse 5 und 6 bei Lesefähigkeit und mathematischen Kenntnissen identisch seien – unabhängig davon, ob ein Schüler diese Klassenstufen im Gymnasium oder in der Grundschule besucht. Damit widersprach er der Analyse seines Kollegen Rainer Lehmann, der vor einem Jahr aus denselben Daten andere Schlüsse gezogen hatte. Baumert war von der Bildungsverwaltung um eine „Reanalyse“ von Lehmanns Studie gebeten worden, nachdem dieser auf Grundlage seiner Studie Eltern leistungsfähiger Schüler geraten hatte, ihre Kinder früh aufs Gymnasium zu geben.

Der langjährige Leiter des Reinickendorfer Humboldt-Gymnasiums, Hinrich Lühmann, teilte gestern Treptows Einschätzung, dass Baumert „politisch handelt“. Dessen Untersuchung gebe nur einen „verengten“ Blick auf die tatsächliche Leistung der Schüler.

Auch Baumert hatte in seiner noch nicht veröffentlichten Studie, die dem Tagesspiegel vorliegt, einschränkend zu bedenken gegeben, dass die Untersuchung der Lesefähigkeit und der mathematischen Lernfortschritte nichts darüber aussage, was die Schüler in den übrigen Fächern lernen. Die Studie treffe daher auch nicht „den Kern der Bildungsprogramme der grundständigen Gymnasien“. Für Treptow steht fest, dass der Vorsprung der Kinder in grundständigen Klassen offenkundig werde, wenn man etwa die Fächer Englisch und Naturwissenschaften vergleiche. Das sei bei der Element-Studie aber gar nicht erhoben worden, bedauerte der Leiter des Pankower Rosa-Luxemburg-Gymnasiums. Treptow fühlt sich angesichts dessen, was Baumert jetzt mit den von Lehmann erhobenen Daten gemacht habe, an die „ideologischen Grabenkämpfe erinnert, die ich aus der DDR noch kenne“. 

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