Streit um Tempelhof : "Wir hatten das Wort des Regierenden"

Christoph Fisser, Vorstand der Studio Babelsberg AG, ist von Klaus Wowereit "menschlich enttäuscht". Im Interview erklärt er, warum.

Willkommensparty von Bread & Butter auf Flughafen Tempelhof
Feier im Zwielicht. Ende Januar feierten die Macher der Modemesse "Bread & Butter" den Zuschlag für Tempelhof mit einem Flugzeug...Foto: Axel Schmidt/ddp

Herr Fisser, warum können sich die Babelsberger Studios nicht damit abfinden, dass Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit den Flughafen Tempelhof an die Modemesse Bread & Butter vermietet hat?



Wir können uns damit nicht zufrieden geben, denn unsere Zweifel, ob diese Entscheidung rechtens ist, sind nicht vom Tisch. Wir haben die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben, dass sie vielleicht korrigiert wird.

Sind Sie ein schlechter Verlierer?

Nein, es wäre etwas anderes, wenn wir in einem fairen Wettbewerb den Kürzeren gezogen hätten. Dem haben wir uns gestellt. Aber das Land Berlin hat sich nicht an die Regularien gehalten, die es für Tempelhof selbst aufgestellt hat. Uns wurde vom Senat immer erklärt, dass nach dem Ideenwettbewerb das Areal ausgeschrieben werden muss, was selbstverständlich ist. Es geht um eine Immobilie der öffentlichen Hand, um Steuergeld. Plötzlich gilt das alles nicht mehr.

Es soll eine Garantie Berlins gegeben haben, dass vor der Ausschreibung von Tempelhof keine langfristigen Einzelmietverträge geschlossen werden. Trifft das zu?

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"Das Land Berlin hat sich nicht an die Regularien gehalten", sagt Christoph Fisser, Vorstand der Studio Babelsberg AG.Foto: Manfred Thomas

Das ist richtig. Es gab ja schon einmal Irritationen, nämlich um den Zuschlag an die Pyronale. Wir haben damals den Senat davor gewarnt, Tempelhof wie einen Schweizer Käse zu vermieten, weil man den früheren Flughafen dann nicht mehr konzeptionell als Gesamtareal entwickeln kann. Daraufhin wurde uns von Klaus Wowereit und Bausenatorin Junge-Reyer persönlich versprochen, dass es keine langfristigen Einzel-Mietverträge geben wird. Wir hatten das Wort des Regierenden. Und auch Regula Lüscher hat in der letzten Pressekonferenz zum Call for Ideas vor Journalisten noch einmal bestätigt, dass es, in Hinblick auf die Entwicklung einer sinnvollen und der Würde und Bedeutung der Liegenschaft angemessenen Prägung keine langfristigen Vermietungen geben wird.

Der Alleingang Wowereits ist massiv kritisiert worden, er steht politisch unter Druck. Können Sie sich die Vergabe erklären?

Ehrlich gesagt, sein Agieren ist uns immer noch ein Rätsel. Wir hatten immer einen guten Draht zu ihm. Klaus Wowereit hatte eine Ader für die Branche. Er schien zu goutieren, was Studio Babelsberg für den Medienstandort Berlin-Brandenburg bedeutet, dass wir ein Wirtschaftsfaktor für seine Stadt sind: Allein 2007 haben wir rund 70000 Übernachtungen über unsere Tochterfirmen selbst gebucht. Weltweit erscheinen jedes Jahr zehntausende Presseartikel wegen der Stars, die hier sind. Wenn Brad Pitt in Babelsberg dreht, wenn Tom Cruise mit Frau und Tochter Suri den Zoo besucht, immer geht eine Botschaft in die Welt: Berlin ist wunderbar. Unser Konzept für Tempelhof wäre das i-Tüpfelchen gewesen.

Die Modemesse soll pro Tag 20 Millionen Euro in die Stadt bringen. Ist das nichts?

Ich will mich an Zahlenspielereien eigentlich nicht beteiligen. Bisher gibt es keine nachprüfbaren Fakten über die Konditionen für die Messe. Aber angenommen, die 20 Millionen Euro stimmen wirklich: Selbst dann kann man eine Gegenrechnung aufmachen. Für jede große Kino-Produktion fließen in kurzer Zeit zwischen 60 und 80 Millionen Euro in die Region. Jeder internationale Film, den wir in den Tempelhofer Hangars drehen, würde mehr Geld nach Berlin bringen als die Messe. Dass das keine Wunschträume sind, haben wir jüngst mit „Walküre“, mit „The International“, dem „Vorleser“ bewiesen. Babelsberg ist, wie man auch auf der Berlinale sieht, international gut im Geschäft.

Wäre Tempelhof für Sie nicht eine Nummer zu groß?


Wir hätten das gestemmt. Das Konzept des Filmhafens war tragfähig und schlüssig. Das hat uns der Senat selbst bescheinigt. Die Filmbetriebe Berlin-Brandenburg, also unsere Dachgesellschaft, wollte die Tempelhof-Immobilie zum dritten Medienstandort der Region entwickeln, für Firmen der Kreativ- und Filmwirtschaft, die übrigens auch Steuern nach Berlin gebracht hätten. Das Interesse war da. Ungefähr ein Fünftel des Flughafens wollte Studio Babelsberg selbst nutzen, unter anderem für internationale Produktionen.

Ein genereller Umzug von Babelsberg nach Tempelhof war nie vorgesehen?

Ich weiß nicht, wovon Klaus Wowereit ablenken wollte, als er das behauptet hat, wider besseres Wissen. Wir haben seine Kritik am Potsdamer Wirtschaftsminister nicht nachvollziehen können. Herr Junghanns hat anders als der Regierende verstanden, dass wir uns als Berlin-Brandenburgisches Unternehmen verstehen, das wir den Gesamtstandort in der Region stärken wollten. Aber das Studio wird sein Herz immer in Babelsberg haben. Es ist das älteste Filmstudio der Welt, es ist so etwas wie Weltkulturerbe, das spürt jeder Filmemacher. Wir haben in Babelsberg allein 16 Studios, die wir auslasten müssen, die wir auslasten. Die zwei Studio-Hangars in Tempelhof hätten eine Verbesserung unserer Produktionsbedingungen bedeutet, nicht eine Erweiterung

Was heißt das konkret?

Wir suchen dringend nach einer neuen Heimat für unsere Außenkulissen die Babelsberg wie jedes Studio der Welt hat. Der jetzige Standort für die so genannte „Berliner Straße“, den wir in Potsdam angemietet haben, gehört uns leider nicht. Das Gleiche gilt für den Fundus, für die Requisiten. Deshalb können wir dort nicht sinnvoll investieren.

Dennoch, die Studios brauchen nur 20 Prozent von Tempelhof selbst. Ist ein Miteinander mit der Modemesse denkbar?

Mein Vorstandskollege Carl Woebcken hat mit Herrn Müller von der Modemesse gesprochen, ob es eine Realteilung geben könnte. Das ist klipp und klar verneint worden. Ein Kompromiss ist damit nicht möglich, der Filmhafen Tempelhof ist gestorben.

Gilt das auch für die kleine Lösung, dass Babelsberg zwei Hangars mietet?


Wir haben das vor zwei Wochen Finanzsenator Sarazzin angeboten. Ich sage ganz klar: Wir wären zu einer reduzierten Variante nach wie vor bereit, also für Studio Babelsberg in Tempelhof. Allerdings gilt das unter der Bedingung, dass wir diese zwei Hangars dann auch 365 Tage im Jahr uneingeschränkt nutzen können. Durch den Zuschlag an die Modemesse besteht aber auch dafür wohl keine Chance mehr.

Nun werden Kinofilme nicht über das ganze Jahr rund um die Uhr gedreht. Warum sind sechs Messetage damit nicht vereinbar?

Wir können nicht große Kulissen in Hangars hineinbauen, und diese zwei Mal pro Jahr einfach abbauen, weil jeweils für drei Tage eine Messe kommt. Wir können nicht die Produktion von Filmen mit Weltstars einfach unterbrechen, nicht zu Brad Pitt sagen, fahren Sie mal ein paar Tage in den Urlaub, weil jetzt Bread & Butter kommt. So läuft das Filmbusiness nicht.

Im Ringen um die Modemesse stand Berlin in Konkurrenz zu internationalen Metropolen. Können Sie nachvollziehen, dass Wowereit nicht als Provinzpolitiker da stehen wollte, dass er sich kurzfristig entscheiden musste?

Ich habe dafür kein Verständnis, weil es so nicht gewesen sein kann. In der Modeszene ist, wie man hört, schon vorher seit Monaten über einen Umzug der Messe von Barcelona nach Berlin gesprochen worden. Die Gespräche müssen also seit langem gelaufen sein. Wir wissen, dass die Berliner Messegesellschaft zu keinem Zeitpunkt angefragt wurde, ob Bread & Butter vielleicht dort untergebracht werden könnte. Jetzt wird so getan, als ob innerhalb von Tagen über die Ansiedlung der Messe entschieden werden musste. Das ist unglaubwürdig.

Welche Erwartungen haben Sie an die Befragung Wowereits im Vermögensausschuss des Abgeordnetenhauses, der am 12. Februar nicht öffentlich tagt?


Dass Herr Wowereit die Zahlen auf den Tisch legen muss, was die Messe bringt und was das Land Berlin dafür bezahlen muss. Wir haben mit Erstaunen zur Kenntnis genommen, dass Berlin in Vorleistung geht, für die Messe etwa in Klimatechnik investieren will. Unser Konzept kam ohne einen Cent der öffentlichen Hand aus und das war allen involvierten Senatoren und dem Regierenden bekannt. Ich hoffe immer noch, dass der Vertrag hinfällig wird, dass Tempelhof ausgeschrieben wird. Schließlich hat jeder Berliner ein Recht darauf, dass hier etwas dauerhaft Sinnvolles passiert, dass auf dem früheren Flughafen möglichst viel Geld und kein Verlust mehr eingespielt wird. Wir haben mit unserem Konzept Filmhafen konkrete Pläne für die Ansiedlung einer wirtschaftlich und kulturell gleichermaßen bedeutenden Industrie vorgelegt. Es gab bereits Gespräche mit internationalen Majorfilmproduzenten, für eine Ansiedlung in Tempelhof. Ich möchte bezweifeln, dass, dass eine Sechs-Tage-Messe dem Flughafen Tempelhof eine neue Prägung geben kann, die sich Berlin immer gewünscht hat, auf die wir uns mit dem Konzept des Filmhafens eingelassen haben.

Es hieß, dass das Studio rechtliche Schritte prüft, weil ohne Ausschreibung vermietet wurde. Werden Sie Berlin verklagen?


Diesen Schritt halten wir uns weiterhin offen, konzentrieren uns jetzt aber vorerst auf unser Kerngeschäft, nämlich, Filme und Stars in die Region zu holen. Darüber hinaus werden wir nach anderen Ausweichflächen suchen.

Hat Sie das Verhalten von Herrn Wowereit persönlich verletzt?


Ja, ich bin menschlich enttäuscht. So geht man nicht miteinander um. Wir waren über zwei Jahre in guten Gesprächen über Tempelhof. Ich hätte es als fair empfunden, wenn der Regierende es fertig gebracht hätte, einmal zum Telefonhörer zu greifen. Wenn er wenigstens versucht hätte, seine Beweggründe zu erklären. Das wäre das Mindeste gewesen.

Das Interview führte Sabine Schicketanz

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