Berlin : Streit um Trigon-Bauprojekte: Mit Bürgersinn gegen Mammutpläne

Cay Dobberke

Der Streit um die Bauprojekte der Firma Trigon und der Bahn am Stuttgarter Platz wird die Ämter und Bezirkspolitiker wohl deutlich länger beschäftigen als bisher erwartet. Zwar wurde im Sommer ein Bebauungsplanverfahren für das neue 60-Meter-Hotelhochhaus und die Ladenpassage der Trigon eingeleitet, aber mittlerweile hat Grünen-Baustadträtin Beate Profé "Zweifel, dass es bis Ende 2001 abgeschlossen sein wird".

Nach der öffentlichen Auslegung der Pläne gingen Hunderte Einwendungen ein - die Bürgerinitiative Stuttgarter Platz spricht von mehr als 600. Ein Großteil der Schreiben sind vorformulierte Postkarten, aber mindestens 150 Briefe sollen individuell begründet worden sein. Diese müssen einzeln bearbeitet werden, bevor das Verfahren mit der Beteiligung "öffentlicher Träger" wie der Feuerwehr weitergehen kann. Laut Beate Profé hat das Stadtplanungsamt "in den letzten Jahren nichts Vergleichbares erlebt".

Seit wenigen Tagen liegen nun auch die Pläne der Bahn zur Verlagerung des S-Bahnhofs Charlottenburg an die Wilmersdorfer Straße aus. Vor allem wegen der drohenden Fällung aller Bäume am Bahndamm steht das Vorhaben inzwischen gleichfalls in der Kritik. Es werden sich also bald noch mehr Protestschreiben im Bezirksamt stapeln.

Die Vorgeschichte reicht lange zurück: Über eine Aufwertung des "Stutti" wurde schon in den 80er Jahren diskutiert. Auch heute gibt es niemanden, der einfach den Status quo beibehalten möchte. Kein Wunder, handelt es sich beim Bahnhofs-Vorplatz doch um eine "Autoabstellanlage mit ein bisschen Gerümpelflächen", wie es Stadträtin Profé auf den Punkt bringt. Zum Verweilen lädt dort nichts ein.

Das Bezirksamt und der Senat sahen sich jedoch finanziell außer Stande, das bahneigene Areal zu kaufen und zu gestalten - deshalb wurde nach einem privaten Investor gesucht. Zuerst gab es 1996 einen städtebaulichen Wettbewerb unter Federführung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, den der Architekt Bernd Albers gewann. Es folgte ein Investoren-Auswahlverfahren der Bahn, in dem mehrere Interessenten wieder absprangen und nur die Trigon übrig blieb. Die anderen Unternehmen bewerteten den Standort teils als unwirtschaftlich - worauf die Kritiker gerne hinweisen.

Die Anwohner bekamen von der Entwicklung lange kaum etwas mit. Von Anfang an sei "über die Köpfe der Leute hinweg" geplant worden, kritisiert Nadia Rouhani von der Bürgerinitiative. Erst im Sommer 1999 sei der Umfang der vorgesehenen Bebauung bei einer SPD-Informationsveranstaltung klar geworden. Wenige Tage später begannen die Proteste. In einer Unterschriftenaktion lehnten rund 6000 Bürger das Projekt ab. Auf Druck der Initiative beriefen die Bezirksverordnetenversammlung und das Bezirksamt im Frühjahr drei "Runde Tische" ein, die aber ergebnislos blieben.

Noch vor dem ersten Treffen hatten alle BVV-Fraktionen ihre Haltung zum Trigon-Projekt festgelegt. Der Investor soll sich demnach auf 24 000 Quadratmeter Nutzfläche am Platz beschränken. Im ersten Architektenentwurf waren nur 17 000 Quadratmeter geplant, aber spätere Trigon-Konzepte sahen 30 000 vor. Nadia Rouhani von der Bürgerinitiative nennt den BVV-Beschluss eine "Mogelpackung". Die zusätzlichen 6000 Quadratmeter entstünden weiterhin - zwar nicht direkt am "Stutti", dafür aber südlich des Bahndamms an der Gervinusstraße.

Die Anwohner wollen notfalls gegen das Mammutprojekt klagen. 1999 hatte der Streit Nadia Rouhanis Kandidatur für das Abgeordnetenhaus beflügelt: Zwar reichten die Stimmen nicht ganz, aber mit 8,7 Prozent erzielte die ehemalige Fernsehjournalistin das beste Einzelbewerber-Ergebnis der bundesdeutschen Geschichte.

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