Berlin : Streit um Wertheims Wert

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Von Lars von Törne

Auf dem Leipziger Platz steht in diesen Tagen eine kleine Blockhütte. Schlichte Kiefernbretter, eine Tür, ein Fenster, rohe Holzschindeln auf dem Dach. Vor dem Hintergrund der modernen Hochhäuser am Potsdamer Platz wirkt diese Installation des Berliner Bildhauers Tobias Hauser irritierend altmodisch und deplatziert. Drumherum ist Niemandsland: Graue, braune Sandhaufen, Unkraut, leere Bierflaschen und ein paar ramponierte Bauzäune. Kaum zu glauben, dass auf dieser Brache in wenigen Jahren schon ein eleganter, neuer Stadtteil entstehen soll, mit luxuriösen Wohnungen, Büros, Restaurants und Geschäften.

Gut 400 Millionen Euro wollen die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft und zwei Projektentwickler vom kommenden Jahr an investieren. Dazu könnte jedoch schon bald eine Millionen schwere Entschädigungssumme kommen. Denn um das letzte brach liegende Filetgrundstück im Herzen der künftigen Innenstadt tobt ein komplizierter Restitutionsstreit. Kontrahenten sind das Bundesfinanzministerium und die Vertreter der Nachfahren der enteigneten Wertheim-Familie, die hier bis in die späten 30er Jahre eines ihrer Kaufhäuser hatte. Am heutigen Donnerstag treffen beide Parteien erstmals aufeinander.

Bislang hatte das Bundesfinanzministerium sich strikt geweigert, die Grundstücke von der Größe dreier Fußballfelder an die Erben der von den Nazis enteigneten jüdischen Kaufhausbesitzer zurückzugeben. Erst in den vergangenen Monaten war in den Streit um „eine der letzten 1-A-Lagen, die in Berlin noch zu vergeben sind“ (Bausenator Peter Strieder) Bewegung gekommen. Ziel der Gespräche mit der jüdischen Interessenvertretung Jewish Claims Conference JCC ist eine außergerichtliche Einigung über eine Entschädigung, sagt Ministeriumssprecher Jörg Müller. Für das Finanzministerium verhandeln die Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben und die bundeseigene Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft, die das Areal seit der Wende verwaltet.

Der Wert der Grundstücke zwischen Leipziger Straße und Voßstraße beträgt laut Eichels Sprecher „eine dreistellige Millionensumme“. Andere Schätzungen gehen von einer zweistelligen Millionensumme aus. Bei dem heutigen Gespräch geht es den Angaben zufolge erst einmal darum, die konkreten Forderungen der JCC zu erfahren und sich über den Sachstand auszutauschen. Einzelheiten über Verhandlungspositionen waren im Vorfeld bei keiner der Parteien zu erfahren. Auch verweigerte die Jewish Claims Conference in Frankfurt (Main) trotz wiederholter Nachfragen eine Auskunft darüber, ob und wie viele anspruchsberechtigte Wertheim-Nachfahren heute überhaupt noch am Leben sind.

Das Gelände gegenüber dem Bundesrat hat eine wechselvolle Geschichte. 1904 ließ die Unternehmerfamilie Wertheim hier ein Kaufhaus bauen, das damals als das größte Warenhaus des Kontinents galt. 1937 zwangen die Nationalsozialisten den Firmenchef Georg Wertheim im Rahmen der „Arisierung“, die Immobilie abzugeben. In den folgenden Jahren wurde ein großer Teil der Familie in Konzentrationslager deportiert und ermordet, andere konnten emigrieren. Der einzige Teil des Gebäudes, der Krieg und späteren Ruinenabriss überstand, war der Tresorraum der Wertheim-Bank. Hier richtete sich nach der Wende der Techno-Club „Tresor“ ein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg bekamen die Erben des enteigneten Besitzers zwar Anteile zurück, wurden aber kurz darauf erneut enteignet – diesmal von der Sowjetischen Militäradministration. Diese doppelte Enteignung macht die Lage heute besonders kompliziert. Nach dem Fall der Mauer, die unter anderem genau auf diesem Gelände verlief, gingen die Flächen in den Besitz des Bundes über. Die Verwaltung übernahm die Treuhand-Liegenschaftsgesellschaft TLG.

Im vergangenen September entschied das für „arisiertes“ Eigentum zuständige Landesamt zur Regelung offener Vermögensfragen, dass die jüdische Interessenvertretung JCC einen Anspruch auf das Grundstück habe, da sich bis dato keine unmittelbaren Erben der Wertheims gemeldet hätten. Umgehend legte das Bundesfinanzministerium gegen den Bescheid Einspruch ein, um die befürchteten Entschädigungszahlungen zu verhindern. Dass Eichels Haushälter ihren Widerstand jetzt aufgaben, dürfte außenpolitische Gründe haben. Die Bundesregierung fürchtete, eine verweigerte Einigung im Falle Wertheim könnte mittelbar das deutsch-amerikanische Regierungsabkommen zur Entschädigung von NS-Zwangsarbeitern gefährden.

Kanzleramt, Außenministerium und Justizministerium, so berichtete der „Spiegel“ Mitte Juni, drängten bei Finanzminister Hans Eichel auf „rasche Klärung“ der „politisch hoch sensiblen Angelegenheit“. Garantiert ist eine Einigung bei den heute beginnenden Gesprächen deswegen jedoch keinesfalls. Sollte es nicht zu einem für beide Seiten akzeptablen Kompromiss kommen, behält sich das Bundesfinanzministerium vor, doch noch vor Gericht zu ziehen.

Daran, dass dieses Areal einst der Familie Wertheim gehörte, wird künftig nur noch ein architektonisches Zitat erinnern: Die von den Architekten Hilmer & Sattler und Albrecht entworfene Fassade des künftigen Eckhauses am Leipziger Platz wurde der alten Kaufhaus-Fassade nachempfunden.

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