Berlin : Streitfall Restschule: Wohin mit den Problemkindern?

In Hauptschulen sammeln sich schwierige Fälle. Hilft die Fusion mit Realschulen? Pro & Contra

Susanne Vieth-Entus

Die Gewaltvorfälle an der Neuköllner Rütli-Schule bringen neue Dynamik in eine Diskussion, die seit über zehn Jahren bundesweit geführt wird. Schon damals gab es Bundesländer, in denen sich nur zehn Prozent der Schülerschaft in diesen „Restschulen“ sammelten. Auch die Probleme waren dieselben wie heute.

Zu den Merkmalen der Berliner Hauptschulen gehört, dass 40 Prozent der Kinder ausländischer Herkunft sind, in Kreuzberg sogar über 80 Prozent. Rund 25 Prozent der Schulabgänger erreichen keinen Abschluss, bei den ausländischen Schülern sogar über 30 Prozent. Das war schon 1996 so. Aber auch diejenigen, die einen einfachen oder erweiterten Hauptschulabschluss schaffen, haben keine Chancen auf dem Lehrstellenmarkt.

Angesichts dieser deprimierenden Lage forderten schon vor neun Jahren 40 der 56 Berliner Hauptschulrektoren, Haupt- und Realschulen zusammenzulegen. Diese Forderung wurde lange diskutiert und mündete darin, dass im neuen Schulgesetz die Zusammenlegung als Möglichkeit aufgenommen wurde. Die Umsetzung ist aber schwierig, weil es wenig Realschulen gibt, die eine Fusion wollen. Die Hauptschulen müssten also aus eigener Kraft Realschulklassen einführen. Für diese Klassen Schüler zu finden, ist nicht einfach, weil Eltern mit realschulfähigen Kindern diese lieber an eine „echte“ Realschule geben. Es gibt aber auch Ausnahmen. Die Moabiter Heinrich-von-Stephan-Schule hat es geschafft, eine so genannte integrierte Haupt- und Realschulen zu werden. Rektor Jens Großpietsch berichtet, dass es zehn Jahre gedauert habe, die Schule auf ihren Erfolgsweg zu bringen. Auch andere Schulen beschritten neue Wege, sofern sie ein engagiertes Kollegium hatten. Die meisten Hauptschulen aber versanken in Depression – wie die Neuköllner Rütli-Hauptschule, deren bedrückende Atmosphäre Besucher schon auf den ersten Blick ansprang. Diese Schulen, die dann auch oft eine schlechte Beziehung zu den Schulräten und Bezirksämtern haben, bekommen immer die Lehrer und Schüler zugewiesen, die kein anderer haben will. Inzwischen wächst die allgemeine Überzeugung, dass es wenig Sinn macht, die problematischsten Schüler in einer Schulform zu sammeln.

In den meisten neuen Bundesländern wurden Hauptschulen nach der Wende gar nicht erst eingeführt, das Saarland hat die Hauptschulen längst abgeschafft, auch Hamburg erwägt diesen Schritt. Nach den Wahlen im Herbst soll die Frage nach dem gegliederten Schulsystem nun auch in Berlin wieder auf die Tagesordnung kommen. Es könnte darauf hinauslaufen, dass es langfristig nur noch Gymnasien und eine andere weitere „Sekundarschule“ geben wird.

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