Berlin : Streng nach den Buchstaben des Gesetzes

Seit 20 Jahren engagiert sich der Neuköllner Verein

Paul Franke

Der Stiftungsstatus hätte die Krönung sein können für viele Jahre Arbeit, für den Verein Lesen und Schreiben und dessen Gründerin Marie-Luise Oswald. Seit 20 Jahren engagiert sich die Neuköllnerin gegen Analphabetismus. Doch die „Marie-Luise Oswald Stiftung“ hielt nur wenige Monate. Die Senatsverwaltung für Justiz hat der Organisation den Stiftungsrang wieder aberkannt.

Dabei hatte alles so hoffnungsvoll begonnen: ein Grundstück an der Spree stand zum Verkauf für wenig Geld, es gab Pläne für Gewächshäuser, eine Markthalle und ein Bootsrestaurant. Hier sollte Arbeit entstehen für und mit Analphabeten. Doch dann begann der Kampf mit den Behörden: Das zuständige Bauamt sah nicht ein, warum ein solches Projekt auf einer Gewerbefläche entstehen sollte. Monate verstrichen mit dem Streit um Formulierungen und neue Anträge. Aber die neue Stiftung schien in keine Schublade zu passen. Schließlich forderte der bürokratische Kampf seinen gesundheitlichen Tribut bei der Stiftungsgründerin. „Ich bin einfach zusammengebrochen, für vier Wochen und lag im Krankenhaus, unser Architekt verunglückte und fiel ebenfalls aus“, erzählt Frau Oswald. Das Projekt stand still. Das Grundstücksgeschäft platzte, das Gelände wurde an jemand anderen verkauft, nachdem fast 13 Jahre lang niemand außer der Stiftung Interesse daran gezeigt hatte. „Eine Kette von unglücklichen Ereignissen“, sagt Marie-Luise Oswald. Der Senat nahm die Anerkennung der Stiftung zurück.

Oswald verstand die Entscheidung. „Das hatte alles seine Richtigkeit, als das Grundstück nicht mehr zur Verfügung stand.“ Jetzt arbeitet sie daran, die Stiftung für „unselbstständig“ erklären zu lassen. Mit dem Rechtstitel wäre der Status nicht endgültig verloren. „Wenn wir wieder die Mittel haben, müssen wir sie nicht neu gründen.“ Schon das wäre ein großer Erfolg, um neue bürokratische Hürden zu meiden.

Auch der Verein „Lesen und Schreiben“, in dem nicht nur Lese- und Schreibkurse, sondern auch Praxisunterricht, Rechnen und Allgemeinkunde angeboten wurden, hat inzwischen große Probleme. „15 Jahre liefen die Kurse in Zusammenarbeit mit dem Arbeitsamt erfolgreich – dann kam Hartz IV“, sagt Marie-Luise Oswald. Der Verein verlor weite Teile der staatlichen Hilfe.

Man wollte neue Kurse für Menschen unter 25 auch ohne Schulabschluss anbieten. Das Jobcenter Neukölln bearbeitete den Antrag monatelang, um am Ende weitere Monate der Prüfung anzukündigen. Monate, in denen der Verein nicht arbeiten konnte, in denen aber Mitarbeiter bezahlt werden mussten. Zuerst wurde am Unterricht gespart, dann nach und nach alle Mitarbeiter entlassen, zuletzt die Vereinsgründerin. „Ich habe mir selbst fristlos gekündigt.“ Übrig geblieben sind einige wenige ehrenamtliche Helfer. So sind zumindest die Lese- und Schreibkurse vorerst gerettet. Ans Aufhören denkt Oswald nicht. „Das ist mein Traum, den gebe ich nicht auf.“

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