Berlin : Strenge Sitten im Garten Eden

Am Wegesrand: Die „Vegetarische Obstbaukolonie Eden“ war einst ein Mekka von Reformern und Sozialisten – heute sucht sie nach neuen Wegen in die Zukunft

Carl-Peter Steinmann

„Die Bewohner dieser Siedlung meiden den Alkohol und den Tabak. Besucher werden gebeten, nicht zu rauchen, damit der Jugend kein schlechtes Beispiel gegeben werde.“ Strenge Sitten herrschten einst in der Kolonie Eden in Oranienburg, doch heute sind Schilder dieser Art nur noch in einer Dauerausstellung über ihre Geschichte zu finden.

Im Mai 1893 trafen sich im Berliner vegetarischen Restaurant „Ceres“ 18 Lebensreformer, um die „Vegetarische Obstbaukolonie Eden“ zu gründen. Die Gruppe wollte ein Gegengewicht schaffen zur rasanten Industrialisierung und der damit verbundenen Verelendung der Städte.

Sie kauften bei Oranienburg 200 Morgen Land, das sie unveräußerlich einer Genossenschaft übereigneten. Diese gab den Boden in Erbpacht an die Siedler zu niedrigem Zins weiter, weil auch Minderbemittelte den Weg ins Paradies finden sollten. Das stand so ausdrücklich in den Statuten.

Eine bunte Mischung von Reformpädagogen, Vegetariern, Anthroposophen und Vorkämpfern der sozialistischen Bodenreform fand in Oranienburg zusammen und spuckte gemeinsam in die Hände. Nun wurde gerodet, gebaut, erste Obstbäume wurden gepflanzt. Man verarbeitete genossenschaftlich die Früchte zu Säften und Marmeladen und verkaufte diese Produkte. 1908 wurde hier die erste rein pflanzliche Margarine erfunden, die als „EDEN-Reformbutter“ bald auf jedem deutschen vegetarischen Frühstückstisch stand.

Eden war nicht nur wirtschaftlich ein Erfolg, es entwickelte sich auch gemäß der Gemeindeordnung zum „Sammelpunkt sittlich strebender Menschen“, die aus ganz Europa anreisten. Bei den traditionellen Frühlings- und Erntefesten tanzten Jung und Alt in weiten Leinengewändern auf dem Festplatz – es war die damals übliche Eden-Reformtracht.

In den 30er Jahren hatte die Kolonie 450 Genossenschaftler, fast 1000 Bewohner, einen eigenen Kindergarten und eine Schule. 1933 war mit der paradiesischen Herrlichkeit Schluss: Die jüdischen Genossen wurden vertrieben, eine Familie wurde ins Konzentrationslager deportiert. Während des Krieges durfte nur die Eden-Margarine weiter produziert werden, was vielleicht daran lag, dass Hitler Vegetarier war.

Die DDR presste Eden ins sozialistische Planschema und verstaatlichte 1972 den Obstverwertungsbetrieb, die wirtschaftliche Grundlage der Genossenschaft. Nach der Wende wurde der Betrieb zurückgegeben – und geschlossen. Er arbeitete nicht rentabel.

Seit 1950 hatte es ein Joint-venture mit ehemaligen Eden-Genossen gegeben, die in den Westen gegangen waren und im hessischen Städtchen Bad Soden am Taunus einen Biogroßhandel betrieben. Eden brachte sein Warenzeichen und die alten Kundenlisten ein, die Wessis gaben das Kapital. Vom stattlichen Erfolg – in den 80er Jahren 200 Millionen Mark Jahresumsatz – profitierten die Bewohner der Kolonie Eden allerdings kaum. Nach der Wende betrug ihr Anteil am Unternehmen nur noch ein Drittel, doch auch diesen Einfluss verloren sie bald: 1991 übernahm der Schweizer Chemiekonzern Sandoz die Eden-Waren GmbH.

Ist das Paradies auf Erden nun am Ende? Nein – die Bewohner des Garten Edens in Oranienburg wollen weitermachen, nach vielversprechenden neuen Wegen wird noch gesucht. Mehr als die Hälfte der Bewohner ist heute im Rentenalter, was lag also näher als der gerade fertiggestellte Bau eines Seniorenheimes.

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