Berlin : Streuen statt schlafen

Erol Öztürk befreit Gehwege von Schnee und Eis. Der Student muss früh aufstehen – das macht er gern.

Anna Corves

Bei Erol Öztürk klingelt derzeit oft nachts zwischen zwei und drei das Telefon. „Dann glaube ich erst, ich träume.“ Doch die Realität holt den 24-Jährigen schnell ein. „Herr Öztürk, Einsatz!“ dröhnt es durch die Leitung. Ein Blick aus dem Fenster auf verschneite Straßen, mehrere Schichten Klamotten angelegt und los, heißt es dann für ihn. Binnen einer Stunde muss er am Betriebshof der Ruwe GmbH in Spandau sein. Der Wirtschaftsstudent verdient sein Geld im Winterdienst.

Während die Straßen frühmorgens still daliegen, geht’s im Betriebshof hoch her, sagt Erol. Das Arsenal der Ausrüstung für die Schneeräumer reicht von Schippen bis zu großen Unimogs, die mit drei Meter breiten Schaufeln Gewerbehöfe freiräumen. Erol ist mit einem der orangenen Fahrzeuge unterwegs: Vorne fegt eine 1,50 Meter dicke Bürste Schnee und Eis vom Gehweg, hinten streut der Kipplader per Knopfdruck Sand auf die polierte Fläche. „Ich schiebe den Schnee zur Straße, wenn da Autos parken, Richtung Häuserwand.“

Winterdienst ist ein Knochenjob: Früh aufstehen und klirrende Kälte. Doch Erol macht sein Job Spaß: Nachts durch menschenleere Straßen ruckeln und Sinnvolles tun. Auch das Geld stimmt: Pauschal bekommt er für die halbjährige Saison 2500 Euro. Damit sind 16 Einsätze abgedeckt – auch wenn er wie im vergangenen Winter nur viermal ausrücken muss.

Eine Tour dauert sechs Stunden, etwa 120 Objekte räumt Erol frei. Ab und an beschweren sich Hausbesitzer, wenn er sich mit seinem Gefährt verspätet. Erol versteht das: „Aber solange es schneit, macht Rausfahren keinen Sinn“, sagt er. Nach der Schicht erzählen sich die Winterdienstler ihre Erlebnisse: „Manche Hausmeister wollen einem Geld zustecken, damit man vor ihrer Tür räumt, obwohl sie keine Kunden sind. Das geht natürlich nicht“, lacht er.

Wenn es nach Erol geht, räumt er auch in der nächsten Saison wieder Berlins Straßen frei. Aber das Schöne am Winter ist: „Man kann vorher nie wissen, was er bringt.“ Anna Corves

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