Streusalz : Der gesalzene Preis des Winters

Ein Hightech-Salz-Cocktail der BSR hält die Straßen selbst bei strengem Frost eisfrei. Doch das Mittel hat kostspielige Nachteile: Es greift Brücken an und vergiftet Bäume.

Stefan Jacobs

Berlin - Seit einer Woche ist die Stadt tiefgefroren, aber die großen Straßen sind nass, als wär’s 20 Grad wärmer und hätte nur genieselt. Tausalz ist die Waffe, die einerseits Wunder wirkt und andererseits Opfer in Natur und Technik fordert. Das prominenteste ist die Spandauer-Damm-Brücke über die Stadtautobahn, die wegen Korrosion durch Salz abgerissen werden musste. Und das aktuellste die Allende-Brücke über die Spree, deren nun ebenfalls notwendiger Abriss Köpenick für die nächsten Jahre den Stau sichert.

Wobei die Bauwerke dem Salz von gestern zum Opfer gefallen sind. Das Salz von heute ist ein Hightech-Cocktail, der aus 70 Prozent festem Kochsalz (Natriumchlorid) besteht. Der Rest ist eine 20-prozentige Kalziumchloridlösung, also ein spezielles Salzwasser. Das wird auf den Höfen der BSR angerührt und im Streufahrzeug in blauen Plastiktanks transportiert. Unterwegs wird es gemeinsam mit den Kochsalzkristallen versprüht, die computergesteuert aus einem Trichter rutschen. Maximal 25 Gramm pro Quadratmeter und Tour sind erlaubt. „Diese Höchstdosis reicht bis etwa minus 16 Grad, aber selbst in den noch kälteren Nächten sind uns die Straßen nicht überfroren“, berichtet Winfried Becker, der bei der BSR die Straßenreinigung leitet. Die Mischung wirkt schnell und klebt gut, während Kristallsalz vom Verkehr oft schon an die Straßenränder gewirbelt wurde, bevor es wirken konnte.

Die Feuchtsalztechnik hat sich laut Becker seit den 80ern etabliert. Zuvor sei in den Westbezirken Kochsalz gestreut worden – höher dosiert und mit großem Aufwand: Bei Blitzeis musste mitten in der Nacht der Verkehrssenator zwecks Erlaubnis geweckt werden. Dann wurden die mit Splitt beladenen Lastwagen geleert und mit Salz befüllt, bevor es losgehen konnte. Im Ostteil dagegen wurde eine Magnesiumchlorid-Lauge verteilt, die im Kalibergbau übrig geblieben war und nur bis etwa minus sechs Grad wirkte.

Seit 2003 gilt „differenzierter Winterdienst“, bei dem auf Straßen kein Sand oder Splitt mehr gestreut wird, sondern der Schnee nur beiseite geschoben und – auf Hauptstraßen – gesalzen wird. „Bei Splitt und Sand müssten pro Quadratmeter bis zu 300 Gramm gestreut werden“, sagt Becker. Und Stunden später müssen die Krümel entweder aus dem Rinnstein gekehrt werden oder sind zu ungesundem Feinstaub zerrieben.

Doch das Salz setzt den Pflanzen zu. BSR und Pflanzenschutzamt arbeiten seit Jahren an einem Kompromiss aus Glätte- und Naturschutz. „Ob feucht oder trocken: Salz schadet den Straßenbäumen“, sagt Peter Boas vom Pflanzenschutzamt: „Es wir im Boden kaum abgebaut, der Chloridgehalt nimmt nachweislich zu.“ Die Folgen zeigen sich im Sommer, wenn die Blattränder von Linde, Ahorn und Kastanie braun werden, weil das Salz ihr Wurzelwachstum bremst, die Nährstoffaufnahme erschwert und den Wasserhaushalt der Bäume durcheinanderbringt. Boas spricht von „einer schleichenden Vergiftung“ und fügt hinzu: „Salz ist das älteste Gift der Menschheit. Früher wurde es an Verbrechensorten ausgestreut, damit dort so schnell nichts wieder gedeiht.“ Und in der Neuzeit werde „der Wert unserer Straßenbäume unterschätzt“. Boas zählt auf: „Eine 40-jährige Buche produziert täglich 7000 Liter Sauerstoff, entzieht der Luft 9000 Liter CO2, verdunstet 400 Liter Wasser und bindet zwei Kilogramm Staub.“

Pflanzenschützer und Winterdienstchef haben einen gemeinsamen Feind: Den Privatmann, der Streusalz im Baumarkt kauft und verbotenerweise auf die Wege kippt. Bis zu 10 000 Euro Strafe kann das kosten. Boas sagt: „Der Streusalzverkauf müsste verboten werden.“

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