Strom : Nicht lange fackeln im Sturm

Berlin mit Strom zu versorgen, ist kein Problem. Wohl aber, die viele Windenergie einer stürmischen Weihnachtsnacht loszuwerden.

Stefan Jacobs
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Schwierige Nachbarschaft. Auch dieses Windrad und der Kohlemeiler im Hintergrund – sie stehen im brandenburgischen Jänschwalde...dpa-Zentralbild

DAS NETZ

Die Energiekonzerne Vattenfall, Eon, RWE und EnBW koordinieren über Tochterfirmen das deutsche Stromübertragungsnetz. Die Bereiche sind nicht nur miteinander, sondern auch international verbunden. Der Vattenfall-Bereich (neue Bundesländer plus Hamburg und Berlin) gehört mit seinen vielen Windrädern und den großen Lausitzer Kohlekraftwerken zu den Stromexporteuren.

DIE QUELLEN

Hunderte Versorger speisen Strom in die Netze ein. Erneuerbare Energien haben laut Gesetz Vorrang, sind aber – mit Ausnahme von Biomasse und Erdwärme – wetterabhängig. 16 Prozent des deutschen Stroms stammen aus erneuerbaren Quellen; Wind leistet mit 6,4 Prozent den größten Beitrag. obs

Wenn doch die Zukunft nur schon begonnen hätte. Dann wäre Thomas Schäfer in der vorangegangenen Nacht nicht ständig angerufen worden und säße jetzt nicht so müde in diesem warmen, stillen Großraum an einem Ort in Tiergarten, der ein bisschen aussieht wie ein Raumfahrtkontrollzentrum und aus Sicherheitsgründen nicht genau genannt werden soll. Eine mehr als zehn Meter lange und drei Meter hohe Wand mit dem Berliner Stromnetz gibt es hier; davor fünf Arbeitsplätze mit halbkreisförmigen Monitorbatterien. Jetzt, da die Stadt noch im weihnachtlichen Standby-Betrieb vor sich hin döst, sind nur drei besetzt. Vorn schweigen zwei Männer konzentriert ihre Monitore an, hinten in der Ecke telefoniert leise der Kollege von der Störungsannahme. Vor dem Fenster glimmt ein Weihnachtsbaum, ansonsten ist der halbdunkle Raum völlig zeitlos.

In der Nacht also, zwischen dem ersten und dem zweiten Weihnachtsfeiertag, pfiff der Wind mit Stärke acht über MeckPomm und die Mark, sodass die Windräder rotierten wie sonst selten. Und Thomas Schäfer, Technikchef der Vattenfall Europe Distribution GmbH, kurz VED, stand mit seinen Kollegen von der übergeordneten Stelle namens „Transmission“ gegen ein Uhr morgens vor der Frage, was er mit jenen 8900 Megawatt Windstrom anfangen sollte, die ins von Vattenfall geregelte Stromnetz – neue Bundesländer plus Berlin und Hamburg – drückten und zu dieser Unzeit von niemandem gebraucht wurden. 8,9 Milliarden Watt, die an einem kalten und dunklen und deshalb verbrauchsintensiven Wintermorgen vor den Weihnachtsferien beispielsweise eine tolle Sache gewesen wären. Jetzt aber ließen Schäfer und die Kollegen von „Transmission“ zunächst möglichst viel Strom in andere Regionen exportieren. Weil das nicht reichte, mussten in Sachsen und Thüringen die Pumpspeicherwerke angeworfen werden, um mit dem Stromüberschuss die Stauseen zu füllen. Als dort alle Generatoren liefen, waren immer noch 1000 Megawatt übrig – etwa die Leistung eines großen Kohlemeilers. Also ließen die Vattenfall-Leute landauf, landab zusätzlich die Windräder bremsen und die konventionellen Kraftwerke herunterfahren, so gut das halt geht. Kohlekraftwerke und Atomreaktoren lassen sich nicht einfach anhalten, sondern allenfalls drosseln. In Berlin ist es doppelt schwierig, weil mit Kraft-Wärme-Kopplung (KWK) zugleich Fernwärme produziert wird. Ein abgeschaltetes KWK-Kraftwerk hieße, dass Hunderttausende Berliner morgens in kalten Wohnungen aufwachen. Und eines, das immer laufen muss, verstopft mit seinem klimaschädlichen „Grundlast-Strom“ die Leitungen für die Erneuerbaren, die laut Gesetz Vorrang haben sollen.

Die überregionale Stromverteilung im sogenannten Höchstspannungsnetz wird von „Transmission“, der anderen Vattenfall-Tochter, von Marzahn aus gesteuert. Dort befindet sich – in einer ähnlichen Warte wie hier in Tiergarten – gewissermaßen die Autobahnmeisterei des Stromnetzes, das in seiner Struktur tatsächlich einem Straßennetz ähnelt. Von den 380 000-Volt-„Autobahnen“ führen Abzweige nach Berlin, wo es auf „Landstraßen“ mit 110 000 Volt weitergeht in die rund 80 Umspannwerke, etwa so groß wie Bungalows. In denen zweigen die „Nebenstraßen“ ab, durch die der Strom mit 10 000 Volt zu den rund 7600 Netzstationen fließt, die zumeist als hellgraue Kästen an den Straßen stehen, um den Strom mit 400 Volt zu den Häusern zu leiten – und dabei kaum jemandem auffallen.

Oder eben doch: Ein Anruf bei Reinhard Walter, dem für die Störungen zuständigen Kollegen, hinten beim Weihnachtsbaum, stört die Ruhe. Aus der Schönhauser Allee meldet jemand einen demolierten Kasten, die Anschlüsse hinter der abgebrochenen Tür liegen frei. „Da schicken wir sofort jemanden hin“, sagt Walter und informiert einen der etwa 80 Techniker, die jeweils gleichzeitig Bereitschaft haben. Häufiger als dieser Fall sind Stromausfälle in Wohnungen. Um die kümmert sich die Installateursinnung. Die Vattenfall-Leute sind eher bei größeren Fällen und höheren Spannungen gefragt. Jetzt zum Beispiel beobachtet der Kollege vorn links im Raum ein Blinken auf der großen Wand. Irgendwo in der westlichen Innenstadt fliegt gerade eine 10 000-Volt-Sicherung raus. Auf einem seiner Monitore lokalisiert der Kollege den Ort: Ein Umspannwerk in der Heerstraße. „Das merkt aber kein Kunde“, sagt er. Weil die übergeordneten Leitungen in der Stadt ringförmig verlaufen, fließt der Strom auf einem anderen Weg weiter. Trotzdem wird ein Techniker losgeschickt. „Wenn wir uns nicht gleich kümmern, schlägt Murphys Gesetz zu“, sagt Schäfer, der Chef. „Dann geht die andere Leitung auch kaputt.“

Der Kollege tippt, dass das Tauwetter ein Kabel angegriffen hat, aber genau können es erst die Techniker draußen ermitteln. Sie können mit ihren Messwagen auch in gebrochene Kabel „hineinhorchen“ und Bruchstellen exakt lokalisieren, ohne die ganze Straße aufzugraben. Oft müssen sie ohnehin nicht lange suchen, weil irgendwo noch der Bagger steht, der gerade ein Kabel erwischt hat.

Abgesehen von zwei Ausfällen am Morgen ist es ein ruhiger Feiertag. Drei Menschen reichen, um die Stromversorgung von 3,4 Millionen zu überwachen. Erst zu Silvester werden sie wieder Stress haben: „Diese Schicht ist unbeliebt“, sagt Schäfer. „Bis nachts um eins ist der Verbrauch enorm, und dann fällt er ganz steil ab.“ Also muss der Strom wieder irgendwohin. „Am Neujahrsmorgen würden wir am liebsten rumgehen und alle wecken“, sagt Schäfer. Bis zum Mittag sei so gut wie gar nichts los. Und in diesem Jahr soll es in der Silvesternacht auch wieder ziemlich windig werden. Murphys Gesetz: Am Vormittag des 25. Dezember, als tausende Weihnachtsgänse in den Backöfen schmorten, hätten sie den Wind besser gebrauchen können.

Wenn es nach Schäfer ginge, würde die Zukunft lieber heute als morgen beginnen. Er setzt sich auf einen Stuhl im Hintergrund des stillen Großraumbüros und malt die Zukunft aus: Waschmaschinen und Geschirrspüler warten gefüllt auf das Signal, dass der Strom gerade fast geschenkt zu bekommen ist. Und fangen deshalb an, ihr Werk in dieser windigen Nacht zu verrichten, statt zusätzlich zu all den anderen Verbrauchern am nächsten Tag den Bedarf hochzutreiben, wenn wieder Flaute ist und zugleich Großverbraucher wie Bahn, BVG und Industriebetriebe auf vollen Touren laufen. In den Tiefgaragen sollen die angestöpselten Elektroautos dann aufgetankt für die nächsten Tage bereitstehen – geladen mit dem billigen Strom der Nacht. Intelligente Stromzähler, wie sie zurzeit bereits in mehreren deutschen Städten und auch in anderen EU-Staaten erprobt werden, sorgen dafür, dass die Energie im richtigen Moment genutzt und vor allem gespeichert wird. Das ist die Zukunft, von der Thomas Schäfer und viele andere Energieexperten träumen. Bis es so weit ist, wird ihn sein Diensthandy noch oft nachts aus den Träumen reißen.

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