Studentendemo in Berlin : Aus den Hörsälen auf die Straße

UPDATE Tausende Studentinnen und Studenten waren vom Roten Rathaus aus zum Protestzug durch die Straßen der Stadt gestartet. Die zentrale Demonstration in Berlin war jedoch schon vor dem offiziellen Schluss zu Ende. Es scheint den Organisatoren kam der Regen in die Quere.

Stephen Bench-Capon[Janina Guthke],Sebastian Leber
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Tausende Studierende demonstrieren vor dem Roten Rathaus für bessere Studienbedingungen. -Foto: dpa

Am Dienstag sind Berliner Studenten und Schüler in einem Demonstrationszug vom  Alexanderplatz vorbei an der Humboldt-Uni (HU) Unter den Linden bis zum Oranienplatz marschiert. 5000 Teilnehmer hatten die Veranstalter angemeldet. Die Polizei schätzte rund 6000 Teilnehmer, die Veranstalter sprachen von deutlich mehr - wie so oft bei Demonstrationen.

Studentinnen und Studenten aller großen Berliner Hochschulen waren dabei. Auch viele Schülerinnen und Schüler haben sich den Protesten angeschlossen. Ihre Unterstützung zeigten sie mit Transparenten unter anderem die Gewerkschaft Verdi, die Linkspartei und die Piratenpartei. Doch auch eigene kreative Plakate waren überall zu sehen - immerhin hatten die Universitäten extra AGs dafür gegründet.

Studentendemo für bessere Bildung
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1 von 26Foto: Janina Guthke
17.11.2009 13:11Oder eben auch: "Freie Bildung? Am Arsch!" -


Als der Demonstrationszug vor dem Hauptportal der HU anhielt, hatten bereits Polizeibeamte Stellung bezogen. Verboten war der Zutritt jedoch nicht. Jeder konnte passieren - einzeln, oder in kleinen Grüppchen. So sollte wohl nur verhindert werden, dass das Gebäude gestürmt oder besetzt wird. Davon konnte heute allerdings keine Rede sein - nach einer kurzen Kundgebung zog die Demo friedlich vorbei. Auch der einsetzende leichte Regen machte den Demonstranten nichts. Sie genoßen vielmehr die Volksfeststimmung und proklamierten: "Wir sind hier, wir sind laut - weil man uns die Bildung klaut!"

Der grüne Kreuzberger Bundestagsabgeordnete Christian Ströbele war zuvor samt Fahrrad, rotem Schal und Anti-Atomkraft-Button auf der Kundgebung vor dem Roten Rathaus erschienen. Sofort wurde er von Kamerateams umringt. "Die Studenten haben Recht", sagte Ströbele. "Ich teile ihre Forderungen." An der besetzten Humboldt-Universität habe er auch schon vorbeigeschaut. Jetzt will er seinen Kollegen im Bundestag von seinen Eindrücken berichten.

An der Spitze des Zuges hatte sich ein "schwarzer Block" aus Autonomen formiert. Dort befand sich allerdings auch der Lautsprecherwagen der Veranstalter. Zu Beginn der Demo gab es eine kleine Debatte mit dem antifaschistischen Block, nicht zur selben Zeit über ihr Megaphon reden zu halten. Zunächst ohne Erfolg. Die Grundsatzkritik am Kapitalismus kämpfte eine Zeit  lang mit den konkreten Forderungen der studentischen Demonstranten um die Lufthoheit, dann setzt sich der Lautsprecherwagen durch - zumindest von der Lautstärke her.


"Wir demonstrieren hier für mehr Geld für Bildung", sagte Sabine, 23, die an der FU studiert. Der 22-jährige Herrmann blieb ein bisschen allgemeiner: "Man lernt im Studium nicht mehr fürs Leben. Es müsste sich mehr an der Realität orientieren." Grundsätzlich sind die Forderungen der Studierenden der verschiedenen Hochschulen weitgehend identisch: Freier Zugang zum Masterstudium, Überarbeitung der Bologna-Reform, Abschaffung sozialer Schranken durch den Verzicht auf Studiengebühren und mehr Mitbestimmungsrecht in allen Gremien.

Für andere ist der Streik und die Demo einfach ein großes Fest der Begegnung. "Hier kommen alle zusammen: die, die im Sommer noch als Schüler auf die Straße gegangen sind, demonstrieren jetzt mit denen, die schon ihren x-ten Streik während ihres Studiums erleben", sinniert FU-Student John. Der eine oder andere demonstrierte dann auch mit einem Bierchen in der Hand - hauptsache dabei sein. Das schienen auch die Betreiber der Musikwagen zu denken: Neben Bob Marley und deutschen Protestliedern lief auch Michael Jacksons: "Earth Song"

Unter den Demonstranten waren auch viele Berliner Schüler. Gemeinsam mit den Studenten brachen sie in Jubel aus, als von der Bühne die Nachricht kam, dass das Neuköllner Albert-Einstein-Gymnasium besetzt worden sei. "Von einer Besetzung kann allerdings keine Rede sein", sagte Schulleiter Holger Ambrosius auf Anfrage. "Etwa 200 Schüler haben sich in der Aula versammelt und diskutieren miteinander und mit Lehrern über Probleme in der Bildungspolitik." Die Schulleitung unterstütze die Aktion ausdrücklich.

Die Polizei war mit rund fünfzehn Einsatzwagen unterwegs, die den Protestzug begleiteten. In der Nähe der Demonstranten zeigten sich aber nur die Beamten vom Antikonfliktteam. Polizei und Demonstranten filmten sich gegenseitig mit Videokameras.

Auf Plakaten war zu lesen: "Das deutsche Bildungssystem ist wie ein Sieb. Nur wer flüssig ist, kommt durch." - "Mit leeren Köpfen nickt es sich leichter" - "Reiche Eltern für alle" - "Da sitz ich nun mit Bachelor und bin so klug als wie zuvor."

Als der Demonstrationszug die Friedrichstraße erreichte, bekamen die ersten Teilnehmer Hunger. Stullen wurden ausgewickelt. Eine Studentin packte eine Dose mit selbstgebackenen Schokokeksen aus und ließ sie unter den Leuten in ihrer Umgebung kreisen. Am Straßenrand stand eine Auszubildende und betrachtet das Treiben. "Eigentlich interessiert mich nicht, warum die hier auf die Straße gehen", sagte sie. "Aber es ist mal eine schöne Abwechslung in der Mittagspause."

Für Touristen hingegen war die Demonstration ein beliebtes Fotomotiv. Zeitweise rangelten sie mutig mit den Journalisten um die besten Positionen für ein Foto. Der Kampf endete fast immer ausgeglichen. Flugblätter lehnten die meisten Zuschauer am Straßenrand jedoch ab. "Das werfe ich doch eh weg", sagte ein älterer Herr und lächelte den jungen Mann mit den Rastazöpfen an. Als der Zug an einem Subway-Laden vorbeikam, zögerte die Promterin kurz, traute sich dann aber doch nicht, den Demonstranten Gutscheine in die Hand zu drücken. Wen wunderts - immerhin wurde gerade der Kapitalismus in Grund und Boden geschrien.

Nicht alle Studenten scheinen mit der friedlichen Einstellung der Veranstaltung einverstanden. "Wir sollten es krachen lassen!", rief ein junger Mann in die Menge. "Sonst stehen wir nächstes Jahr wieder hier!" Die Rufe gingen in der friedlichen Menge unter.

Vor Beginn der Demo hatten Studierende an der Humboldt-Universität, der Technischen Universität, der Freien Universität und der Hochschule für Technik Hörsäle besetzt. Die abschließende Kundgebung sollte um 15.30 Uhr am Oranienplatz in Kreuzberg stattfinden, doch die Organisatoren zogen die Demonstration schneller durch. Zum offiziellen Zeitpunkt der Kundgebung zeugten nur noch ein paar zermatschte Plakate am Boden von der Anwesenheit der Demonstranten. Das schlechte Wetter und der Regen vertrieben die Teilnehmer der zunächst angenehmen Veranstaltung am Ende wohl schneller als ursprünglich geplant.

Der Deutsche Philologenverband (DPhV) äußert unterdessen Kritik an den Veranstaltern der Bildungsstreiks. Die Proteste gäben ein "sehr diffuses Bild" ab und würden nach wie vor „durch linksextreme und politikunfähige Organisationen entscheidend mitgestaltet“, sagte DPhV-Chef Heinz-Peter Meidinger der Agentur AP zufolge.

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