Studentin Derya Ovali : "Man kann als Türkin auch anders leben"

Junge Frauen aus der Türkei müssen seit den Todesschüssen von 2005 stärker gegen Klischees kämpfen, sagt die Berliner Studentin Derya Ovali.

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Foto: privat

Frau Ovali, Hatun Sürücü war deutsche Staatsbürgerin, stammte aber aus einer kurdischen Familie aus Anatolien. Wie hat die türkische Community in Berlin auf den Mord reagiert?



Schockiert und mit großer Trauer. Ich nehme an, dass 90 Prozent den Mord definitiv abgelehnt haben. Und die meisten waren nicht darauf vorbereitet, dass das Thema „Ehrenmord“ plötzlich so in die Öffentlichkeit gerückt ist.

Welche Erfahrungen habe Sie damals gemacht?

Als einzige türkische Studentin wurde ich in vielen Seminaren auch mit krassen Vorurteilen konfrontiert, zum Beispiel dem, dass türkische und kurdische Mädchen generell das Haus nicht verlassen dürfen. Und das von Leuten, die eine Lehrerausbildung machen. Da muss in Sachen Sensibilisierung noch viel an den Unis passieren.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Ich habe versucht, zu zeigen, dass man als Türkin auch anders leben kann, mich aber auch nicht unterbuttern lassen. Es hilft, frech, offen und diskussionsfreudig zu sein.

Wie haben die türkischen Zeitungen damals berichtet?

Die „Hürriyet“ und auch andere sind meiner Meinung nach sehr offen mit dem Thema umgegangen und haben versucht, alles genau darzulegen, was zu der Tat geführt hat. Das fand ich gut.

Durch den sogenannten Ehrenmord scheinen sich viele Klischees bestätigt zu haben.

Ja, bestimmte Menschen haben sich in allen Vorurteilen über Türken und Muslime bestätigt gefühlt. Das hat vor allem jene Türken betroffen, die dann auch noch schlecht Deutsch sprechen und Sozialhilfe bekommen. Das hat zu einer verstärkten Islamophobie in Deutschland geführt und auch zu Gesetzen wie beispielsweise dem erschwerten Ehegattennachzug für türkischstämmige Bräute und Bräutigame. Diese dürfen seit 2007 nur nach Deutschland einreisen, wenn sie Deutschkenntnisse nachweisen können.

Wie fanden Sie die Reaktion der deutschen Zeitungen?

Bei einigen hatte ich das Gefühl, sie wollten Deutsche und Türken gegeneinander aufhetzen. Andere sind aber auch so in die Tiefe gegangen, wie es dem Thema angemessen war. Ich finde, dass man generell mal hätte erklären können, wie es in anderen Kulturen mit den Themen „Ehrenmord“ und Zwangsverheiratung aussieht. Und vielleicht sollte man nicht immer dieselben islamkritischen Expertinnen befragen.

Ist der „Ehrenmord“ für die Community zu einem Symbol geworden?

Ja, er ist auf jeden Fall zu einer Marke geworden, aber nicht nur für die türkische Community, auch für die deutsche. Ich würde mir aber wünschen, dass an den Gedenkveranstaltungen zum Jahrestag mehr Bürger unserer Stadt teilnehmen würden und nicht nur immer dieselben Akteure aus Politik und Zivilgesellschaft. Ich denke, dass beispielsweise auch die Ministerin für Frauen Kristina Köhler an der Trauerfeier teilnehmen sollte. Schließlich geht es um Gewalt gegen Frauen.

Das Gespräch führte Rita Nikolow.


Zur Person

Derya Ovali, 27, studiert Erziehungswissenschaften. Die Studentin war auch Vorstandsmitglied des Türkischen Bundes Berlin-Brandenburg (TBB).

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